Textsammlung 2024


   

Bibizas Befreiung der Tiere

Mit „bis einer weint“ legte der Wiener Musiker „Bibiza“ am 22. November 2024 noch einmal ordentlich nach und servierte einen würdigen Nachfolger zum Award-dekorierten Album „Wiener Schickeria“. Inhaltlich wie soundtechnisch unbestreitbar die konsequente Fortsetzung zum Vorgängeralbum, wartet „bis einer weint“ in gewohnter Bibiza-Schicki-Micki-Attitüde mit diversen Ausflügen ins Wiener Nachtleben auf. Die Tschick bleibt dabei – gewohnt lässig – stets in der Hand, oder zumindest in Griffweite. Zurecht in Bibizas Augen. An ein Aufhören mit dem Rauchen ist nicht zu denken. Glimmstängel, Alkohol und Kokain sind – ähnlich zu „Wiener Schickeria“ – der Hörer*innen ständiger Begleiter beim Streifzug durch das Doppelalbum.

 

Aus dem wilden Songgetümmel – gemeint im positivsten aller Sinne – des Albums sticht für mich vor allem der fünfte Track „Salamander & Chamäleons“ besonders heraus. Zwar nicht unbedingt auf der lyrischen, dafür umso mehr auf der instrumentellen Ebene ist der Song nämlich eine Reminiszenz an den von mir hochverehrten frühen Austropop, beziehungsweise -(blues-)rock, den es ja schon weit vor Wanda und Co. gab. Erinnern wir uns an Ambros „Hoiba Zwöfe“, den „Heavy Metal-Pepi“ der EAV und vor allem an Herrn Doktor Kurt Ostbahn und seine Chefpartie – ihrerseits Begründer des Favorit’n and Blues. 

 

Damals wie heute treffen wir auf erstsahnige Blues-Rock-Licks, die sich zwischen urtypischen Shuffle-Rhythmen heraustun. Rotziger Sound, sauber gemischt. Dennoch klingt und wirkt „Salamander & Chamäleons“ nicht altbacken, man fühlt sich trotz unbestreitbarer klanglicher Parallelen nicht unmittelbar zurückversetzt in die österreichische Musiklandschaft der 70er und 80er – oder gar in die USA der 40er und 50er, dem Ursprung des Bluesrocks (es dauerte eben ein Weilchen bis der Sound erfolgreich seinen Weg über die Alpen fand). 

 

Inhaltlich bricht „Salamander & Chamäleons“ nicht wirklich aus der Schwermütigkeit, die über dem gesamten Album schwebt, aus. Das Überthema (Realitäts-)Flucht bleibt omnipräsent. Durchaus passend, dass man sich soundtechnisch also am Blues orientiert hat, ist er historisch betrachtet doch die musikalische Verkörperung eben dieser mit Worten nur schwer zu fassender Wehmut. 

 

Mit seinem Party-Setting bleibt der Song außerdem einem weiteren charakteristischen Element des Albums treu. Ja, gleich zu Beginn der ersten Strophe verliert sich der Protagonist augenblicklich nach dem Betreten einer Home-Party im träumerisch-rauschigen Treiben ebendieser. Der Griff zum „Gläschen Rauschgift“ ist für ihn die logische Konsequenz, nachdem er schon beim Übertreten der Türschwelle folgenschwer bemerkt hat, dass „die ganze Szene auf Safari“ ist. Auf die Frage „Wer bist denn du?“, die der Protagonist an ein nicht weiter beschriebenes Gegenüber richtet, wird ihm bloß mit „Muh“ geantwortet. Wir stellen fest, es herrscht Ekstase pur. „Niemand kann mehr kommunizieren“, „die Zungen schnalzen, die Augen blinzeln“, wir haben es nicht mehr länger mit Menschen zu tun („keine Menschen weit und breit“). Um uns und den Protagonisten tanzen nur noch „Salamander und Chamäleons“. Höchste Zeit sich drauf einzustellen. Später erfahren wir noch: „das Motto dieser Party ist die heile Welt“ ­– ein Statement, in dem sich Bibizas Eskapismus in klare Worte gießt, verweist er am restlichen Album doch immer wieder selbst darauf, dass sich die Welt eigentlich in einem desolaten Zustand befindet.

 

Was als bunte und so sicherlich noch nie dagewesene Beschreibung einer Party ohne Limits anfängt, gipfelt am Ende des Refrains dann urplötzlich im Imperativ: „Lasst die Tiere bitte frei“. Eine unerwartete Botschaft, die auf den ersten Blick so gar nicht zum Rest des Lieds passen will – bis man bedenkt, dass Bibiza den Protagonisten „Franz“ und die ausgelassen feiernde Menge zuvor zu Tieren, will heißen „Salamander und Chamäleons“ und offensichtlich mindestens einer Kuh („Muh“), gemacht hat. Bibiza fordert somit wohl nicht (nur) die Befreiung der Tiere im klassischen, tierrechtlichen, ethischen Sinne, sondern (auch) die des Homo Sapiens. Stellt sich nur die Frage, wovon. Frei von allen irdischen Zwängen sind wir auf der hemmungslosen Party doch schon längst.

 

Die zweite Strophe konterkariert die im Refrain soeben gestellte Forderung nach Freiheit dann allerdings wiederum: „Wenn niemand sich bewegen kann, dann kann auch nicht so viel Scheiße passier‘n“. Vielleicht hat weniger (Bewegungs-)Freiheit also doch etwas für sich? Bibizas Position bleibt ambivalent, folgt auf dieses vermeintliche Plädoyer für Stillstand und Bewegungsunfreiheit doch gleich wieder der Satz „Wenn niemand richtig reden kann, dann kann auch niemand mehr philosophieren“. Korrekt. Bleibt nur fraglich, ob Bibiza das „richtige Reden“ befürwortet, ist das Philosophieren, also das uneingeschränkte Fragenstellen und ewige Antwortsuchen doch die Freiheit par excellence. Soll der Mensch also (bewegungs-)unfrei werden/bleiben? Wen möchte Bibiza nun befreien? 






Papua-Neuguinea: Ein Inselstaat vor dem Untergang 

Der 11. November 2024 war vieles: Martini, burgenländischer Landesfeiertag, Beginn der Faschingszeit und – auch außerhalb der österreichischen Staatsgrenzen interessierend – der Auftakt der UN-Klimakonferenz, COP29. 

 

Vertreter aus fast allen Nationen der Welt strömten dieses Jahr in die Hauptstadt des Erdölexport-Giganten Aserbaidschan, um dort bis 24. November den Ausstieg aus fossilen Energieträgern sowie die Finanzierung diverser Klimaschutzmaßnahmen zu diskutieren. 

 

Die Sitze eines Landes blieben dabei aber leer. Schon im August hat der ozeanische Inselstaat Papua-Neuguinea medienwirksam verkündet, an der diesjährigen Weltklimakonferenz nicht aktiv teilzunehmen. 

 

Dabei rangiert der flächenmäßig drittgrößte Inselstaat des Planeten unter den Top 20 der weltweit am meisten vom Klimawandel gefährdeten Ländern. Schon allein aufgrund seiner geographischen Lage ist Papua-Neuguinea anfällig für Naturkatastrophen wie Erdbeben, Vulkanausbrüche und Wirbelstürme. Bedingt durch Schwankungen in der Niederschlagsmenge – die Gründe hierfür lassen sich im (menschenverursachten) Klimawandel finden – gesellen sich zu diesen Extremereignissen außerdem noch Dürren sowie immer häufiger auftretende Erdrutsche. Erst Ende Mai dieses Jahres forderte ein Erdrutsch im gebirgigen Landesinneren UN-Schätzungen zufolge über 670 Tote. 

 

Infolge der Klimakrise versauert und erwärmt sich der Ozean, der den Inselstaat umgibt. Der simultan steigende Wasserspiegel führt zu übertretenden Flüssen und Überschwemmungen und treibt die Versumpfung des Landes gnadenlos voran. 

 

Wo sich einst lebhafte Siedlungen befanden, ragen nun die Ruinen verlassener Häuser aus dem Wasser, wo einst Ackerbau betrieben wurde und Nutzpflanzen gediehen, fürchtet man, der Gewalt der Natur vollkommen ausgeliefert, nun um jede Ernte, wo sich einst aberhunderte Fische in Schwärmen tummelten, werfen verzweifelte Angler ihre Netze nun vergeblich aus. Der Ozean wurde lebensfeindlich, ja lebenszerstörend. Die sozioökonomische Infrastruktur des Landes, die sich zum Großteil in Küstengebieten oder an Flüssen im Hochland befindet, ist ihm und den Unwettern hilflos ausgeliefert. Wer kann, wandert ab, wer fest verwurzelt ist, dem droht erbarmungslos das Ende. 

 

Und so rafft der Klimawandel vor der Insel und den Augen ihrer Bewohner schonungslos ganze Korallenriffe dahin, entledigt sich derjenigen Fischarten, denen ein Abwandern in die kühleren, tiefen Gebiete des Pazifiks nicht möglich ist und treibt das Artensterben von Flora und Fauna am Festland unaufhaltbar weiter voran. 

 

Sollte es einen Gott geben, so bedient er sich in und um Papua-Neuguinea der gesamten Klaviatur extremer Wetterereignisse und Naturkatastrophen. 

 

Es ist unbestreitbar: Kaum ein anderes Land der Welt bekommt die Folgen der Klimakrise so stark zu spüren wie Papua-Neuguinea – aber wie überall anders, tragen auch hier die Ärmsten und Wehrlosesten das größte Leid. Unfähig sich rasch genug anzupassen, sich effektiv zu schützen, sich zeitnah auf die Umweltkatastrophen vorzubereiten, steht das Leben unzähliger Pflanzen und Tieren sowie von Millionen Menschen auf dem Prüfstand. Ganze Ökosysteme und soziale Geflechte stehen auf Papua-Neuguinea kurz vor dem Aus, so fatalistisch es klingen mag. Und wenn satte fünf Prozent der globalen Artenvielfalt – so viel beherbergt das kleine Papua-Neuguinea nämlich – unwiederbringlich verloren gehen, wenn der drittgrößte Primärwald der Welt stirbt, wenn ganze Lebensräume akut gefährdet sind, dann betrifft das den gesamten Planeten. 

 

Klagerufe à la „Selbst schuld!“ oder gar „Was haben die uns eingebrockt?“, sind da unangebracht. Schon allein, weil sie faktisch inkorrekt sind. Ziehen wir den zur Bestimmung der Klimafreundlichkeit einer Nation oftmals benutzten Pro-Kopf-CO2-Ausstoß heran, finden wir Papua-Neuguinea im unteren Drittel. Gerade einmal 0,8 metrische Tonnen Kohlenstoffdioxid emittierte der Staat 2022 pro Kopf. Zum Vergleich: Der Durchschnittsösterreicher kam im selben Jahr auf rund 6,9 Tonnen. 

 

Besonders pervers wird das Ganze, wenn man bedenkt, wie die Pro-Kopf-CO2-Emissionen berechnet werden: Werden Güter oder Dienstleistungen international gehandelt, so werden alle bei der Herstellung bzw. Produktion emittierten Treibhausgase nämlich trotzdem dem Ursprungs- bzw. Produktionsland zugerechnet. Ganz unabhängig davon, wo die Güter und Dienstleistungen letzten Endes konsumiert bzw. in Anspruch genommen werden. Für ein Land mit hohem Exportüberschuss, wie Papua-Neuguinea es ist, fällt das natürlich ordentlich ins Gewicht, sodass man ohne Zweifel behaupten kann, dass sich der Real-Pro-Kopf-Ausstoß nochmal auf deutlich weniger beläuft. 

 

Papua-Neuguineanische Exportschlager sind mit einem Anteil von über 50% vor allem Mineralische Brennstoffe. Edelsteine und -metalle sowie Erze kommen zusammen auf über 20%. Auf Platz 3 liegen tierische sowie pflanzliche Fette und Öle. Unter letztere Kategorie fällt auch das imagemäßig zwar negativ belastete, aber dennoch heiß begehrte Palmöl, für dessen Produktion Konzerne die Ur- und Regenwälder des Landes (zum Teil illegal) roden. Insgesamt 11,3 Milliarden US Dollar hat Papua-Neuguinea durch Warenausfuhr im vergangenen Jahr erwirtschaftet. Der Export trägt also massiv zur Wirtschaftsleistung des Landes bei – wenngleich er seinen Bewohner*innen wohl mehr schadet als nützt. Denn genau die Energiekonzerne, die Bergbauunternehmen und die Plantagenbetreiber sind es, die das Land und die Umwelt – und das gilt nicht nur für Papua-Neuguinea – am allermeisten schädigen. 

 

Die massiven Gewinne, die ihre Unternehmungen abwerfen sowie die Jobs und die ökonomische Absicherung, die die Industriellen bieten, zwingen Papua-Neuguinea und seine Bewohner aber praktisch dazu weiterzumachen. Im Namen des Wirtschaftswachstums wird die Ausbeutung des eigenen Landes forciert – auch wenn alles Leben darunter leidet. 

 

Gerade nach diesem Überblick stellt sich erst recht die Frage, warum Papua-Neuguinea an der diesjährigen UN-Klimakonferenz nicht teilnehmen möchte. Nun, die Antwort darauf lieferte der Außenminister des Staates, Justin Tkatchenko, recht unmissverständlich selbst. Die Konferenz sei „eine totale Zeitverschwendung“, Regierung und Volk hätten „die Rhetorik satt “. In den letzten drei Jahren habe man nichts erreicht, es habe keinen Sinn dorthin zu reisen. Das sind harte Worte, die er da an eine der wichtigsten global agierenden Organisationen richtet. Mit seinem Statement stilisiert Tkatchenko die Konferenz zu einem Ort, an dem Diskursbeiträge nicht ernst genommen, ja noch nicht mal richtig angehört werden. Alle Appelle, alle Mahnungen, alle Warnungen gehen ins Leere, wo sie ungehört verhallen. Tkatchenko führt weiter aus: „Alle großen Umweltverschmutzer der Welt versprechen und verpflichten sich zu Millionenbeträgen, um das Klima zu entlasten […]. Und ich kann Ihnen jetzt schon sagen, dass das alles an Berater geht.“ 

 

Der Boykott Papua-Neuguineas ist also nicht die Folge einer ignoranten „Ist-mir-egal-Wir-als-kleines-Land-können-sowieso-nix-ändern-Einstellung“, sondern ganz im Gegenteil. Er ist ein selbstbewusster Akt des Protests gegen die läppischen Bemühungen der Weltgemeinschaft, er ist eine provokante Aufforderung, endlich wirkmächtig einzuschreiten und einen offenen Kampf gegen die Klimakrise zu führen. Paradoxerweise hat sich Papua-Neuguinea also gerade mit seinem Fernbleiben von der Klimakonferenz Gehör verschafft. Wer weiß, vielleicht hilft der Inselstaat gerade durch seine Abwesenheit dem Klima. 

 

Es wäre allerdings falsch, aus all dem den Schluss zu ziehen, dass wir eine Individualisierung der Klimapolitik bräuchten, dass sich jede Nation einfach um ihre eigenen Probleme kümmert und dann war‘s das. In einer dicht vernetzten globalisierten Welt kann das schlichtweg nicht funktionieren. Genauso falsch – eigentlich schon polemisch – wäre es, Papua-Neuguinea vorzuwerfen, dass sie zwar mahnend den Finger heben, sich aber nicht proaktiv am Kampf gegen die Folgen des Klimawandels zu beteiligen. Trotz ihres marginalen Anteils am weltweiten CO2-Ausstoß (2022 waren es gerade einmal 0.01%), setzt die Nation alles daran, der Klimakrise entgegenzuwirken. So soll bereits 2025 ein umfassendes Exportverbot für Rundholz in Kraft treten. Laut Premierminister James Marape wolle man zum Schutz der Wälder und der darin beheimateten Arten darüber hinaus keine neuen Abholzungsgenehmigungen erteilen, bestehende sollen nach ihrem Auslaufen nicht mehr verlängert werden. Zugegeben, man wird sehen, was die Zukunft bringt, ultimativ stehen sich nämlich auch hier Kapital und die von ihm Ausgebeuteten gegenüber – zumal das Vorhaben kein Neues ist und in der Vergangenheit zwar immer wieder in der ein oder anderen Form besprochen, aber dann doch wieder ad acta gelegt wurde. 

 

Bereits Früchte tragen indes die Bemühungen Papua-Neuguineas, den Ozean zu schützen. Erst Ende 2023 verdreifachte man die Fläche der Meeresschutzgebiete. Bis 2030 möchte der Pazifikstaat sogar etwa 30% seines Territoriums in Schutzgebiete verwandeln. Die „30 Actions by 2030“ legen darüber hinaus dreißig konkrete Maßnahmen zur Bekämpfung des Klimawandels und seinen Folgen fest, die man ebenfalls bis dahin implementieren möchte. 

 

Zusätzlich zielt man darauf ab, bis 2030 eine 50-prozentige und bis 2050 eine vollständige CO2-Neutralität zu erreichen. Diese Ziele sind fest verankert in der sogenannten „Vision 2050“. Damit möchte man der Verfassung gerecht werden, die als einzige der Welt Bäume, Tiere und Pflanzen als schützenswert anerkennt. Fraglich bleibt allerdings, inwieweit die Papuas den Wald, der ihnen der Verfassung nach gehört, aus den Händen der Industriellen zurückerobern können. 

 

Vielversprechend sind auch die Anstrengungen zahlreicher (internationaler) Organisationen, die in und um den Inselstaat agieren. WCS PNG beispielsweise engagiert sich sowohl präventiv wie korrektiv (etwa indem sie in enger Zusammenarbeit mit der Regierung Ziele und Lösungen zur Bekämpfung der Klimakrise entwickeln) als auch reaktiv (indem sie Gemeinschaften dabei unterstützen, sich an die neuen und sich fortwährend verändernden Bedingungen anzupassen). Australien wiederum unterstützt Papua-Neuguinea gemeinsam mit dem Internationalen Währungsfonds, der Asiatischen Entwicklungsbank und der Weltbank beim Aufbau einer nachhaltigeren und widerstandfähigeren Wirtschaft. Auch die EU unterstützt den Inselstaat seit geraumer Zeit mit diversen Projekten und monetären Mitteln, darunter das „Multiannual Indicative Programme“ sowie das für deutschsprachige Ohren weniger wohlklingende Programm „EU-STREIT PNG“. 

 

Papua-Neuguinea zeigt damit, dass man die ausgestreckte Hand durchaus gerne ergreift. Man scheut internationale Kooperation nicht, ja man verwehrt sich nicht einmal davo,r vor der UN zu sprechen, wie es Premier James Marape erst Ende September tat. 

 

Wenn Papua-Neuguinea an der diesjährigen Klimakonferenz nicht teilnimmt, dann hat das nur eines zu bedeuten: Gegenseitige Unterstützung ist essenziell, darf aber keinesfalls bloß darin bestehen, einander Versprechen zu geben und Abkommen zu schließen, an die sich im Nachgang niemand mehr hält. Man hat es satt, sich fortwährend im Kreis zu drehen. Das ist harte Kritik, die die UN bzw. die COP über sich ergehen lassen muss – vielleicht ist sie aber gar nicht so unberechtigt, gerade in Anbetracht des auf der COP21 beschlossenen Pariser Klimaabkommens.

Daten und Fakten

  • Mit einer Fläche von über 460.000 Quadratkilometern ist Papua-Neuguinea der drittgrößte Inselstaat der Welt. 
  • Seit 1975 ist der Staat von Australien unabhängig, gehört aber weiterhin zum britischen Commonwealth.
  • Mit schätzungsweise über 800 verschiedenen Sprachen, ist Papua-Neuguinea die sprachlich diverseste Nation der Welt.
  • Rund 70% der Tierarten auf Papua-Neuguinea sind endemisch, kommen also nirgendwo sonst vor.
  • Papua-Neuguinea zählt zu den wenigen Regionen der Erde, in denen der Ackerbau unabhängig von äußeren Einflüssen erfunden wurde.


Quellen:

30 Actions by 2030

Anteil der globalen CO2-Emissionen nach Land

Australia-Papua New Guinea Engagement

EU Papua-Neuguinea Partnerschaft

EU STREIT PNG

Kurzüberblick Papua Neu-Guinea

Papua New Guinea Vision 2050

Papua New Guinea Policy on Protected Areas

Verfassung Papua-Neuguineas

WCS Papua Neuguinea

Weltweite CO2 Emissionen 2022

WKO Länderprofil Papua-Neuguinea 






Der imaginierte Andere, der die Freiheitlichen bedroht

 
Das erste Mal bewusst in Berührung mit dem Konzept des „Othering“ kam ich, als ich Edward Saids vermutlich einflussreichstes Werk „Orientalism“ las. Über vierhundert Seiten hinweg, setzt sich Said darin kritisch mit dem Bild des „Orients“ auseinander. Said postulierte, dass der „Orient“ keine Naturgegebenheit, sondern vielmehr ein Produkt westlicher Hegemonialfantasien ist, in denen der „Orient“ als exotischer, gleichermaßen aber auch gefährlicher, Sehnsuchtsort fungiert. Der „Orient“ ist die ungezähmte Heimat von Wilden, denen Kultur zwar nicht unbedingt abgesprochen wird, allerdings auch nicht wirklich zuerkannt wird. Denn eines ist klar: Es ist die Aufgabe des „Okzidents“, dem „Orient“ Zivilisation zu bringen[1].

Bereits aus diesem kurzen Absatz, der Saids revolutionäre Überlegungen eigentlich nur vage skizziert, kristallisiert sich eine der Hauptthesen des Werks, nämlich die artifizielle Einteilung der Welt in „Okzident“ und „Orient“, deutlich heraus. Der „Orient“ gilt als verrucht, mystisch und unkultiviert bis rückschrittlich, sein inverses Gegenstück der „Okzident“ dagegen ist Wiege wie Motor der Geistes- und Naturwissenschaften, Hochburg der Künste und aufgeklärtes Zentrum des Fortschritts.

Durch diese dichotome Welteinteilung entsteht notwendigerweise sowohl das verzerrte, ja vollkommen falsche, Bild eines homogenen „Orients“ als auch das eines homogenen „Okzidents“. Der „Okzident“ als geeinte „zivilisierte“ Hochburg der Erde (als wäre die Geschichte Europas/des Westens nicht von inner- und zwischenstaatlichen Konflikten geprägt) auf der einen Seite. Der „Orient“ als sein „wildes“ Pendant, dessen Fläche sich von den Ländern der Bibel, über Indien bis hin in die östlichsten Regionen Asiens erstreckt, auf der anderen Seite.

Selbstverständlich führt diese künstliche Zweiteilung zu einer fantastischen Identitätsbildung auf beiden Seiten, die die Realität bestenfalls vage wiedergibt. Sie hatte und hat aber – zumindest für den „Okzident“ – den hervorragenden Effekt, dass man sich von seinem „Gegenstück“ mühelos abgrenzen konnte und immer noch kann. Gilt für den „Okzident“ das Eine, so gilt für den „Orient“ zwangsläufig das Andere – eine extreme Form des „Othering“, womit wir wieder beim Anfang wären.

„Othering“ ist grundsätzlich nicht schlecht, zuvorderst ist es nämlich ein „Tool“, also ein Werkzeug, zur Identitätsfindung und -wahrung. Nun ist es aber nun einmal so, dass Identitätsfindung nicht nur über die Suche nach Gemeinsamkeiten mit anderen Personen und Gruppen funktioniert, sondern auch das (klare) Abgrenzen und Abwerten von bestimmten Personen und Gruppen involviert – das „Othering“. Man selbst, bzw. die eigene Gruppe, wird als „Norm“ betrachtet. Alle „Anderen“, also jene, die nicht Teil der Gruppe sind, weichen von dieser logischerweise ab und werden schon ob dieses Grundes tendenziell negativ bewertet. Es ist unschwer zu ahnen, dass hier Kippeffekte lauern[2][3].

Betrachtet man den derzeitigen politischen Diskurs hierzulande, ist „lauern“ allerdings eine Untertreibung. Es reicht, sich an die „Leitkultur-Debatte“ im Frühjahr zurückzuerinnern, um zu sehen, wie sich vor allem konservative Kräfte darum bemühten, eine künstliche Einteilung in „typisch österreichisch“ und „anders“ zu produzieren. „Tradition statt Multikulti“ hieß es da von Seiten der ÖVP[4], die scheinbar vergas, dass wir ohne Multikulti wohl nicht einmal „typisch österreichische Traditionsgerichte“ wie die Palatschinke oder das Gulasch auf dem Speiseplan hätten.

Als Meisterin des „Otherings“ könnte man allerdings getrost die Freiheitliche Partei Österreichs bezeichnen. Insbesondere jetzt im Nationalratswahlkampf, versteht sie es, Schreckensbilder von „Anderen“ zu zeichnen, die „uns“ in „unserer“ Freiheit bedrohen. Solche „Anderen“, das sind für die Blauen vor allem Migrant*innen und Mitglieder der queeren Community, wie aus ihrem Wahlprogramm klar hervorgeht.

Der queeren Community wirft die Kickl-FPÖ etwa „permanente Transgender-Gehirnwäsche, die letztlich nur auf eine Zersetzung unserer gesellschaftlichen Grundlagen abzielt[5] vor. Die queere Community wird damit als Bedrohung für die „traditionelle Familie mit Vater und Mutter[6] geframt. Diese ist laut FPÖ „unumstritten der beste Rahmen, um in Geborgenheit aufzuwachsen[7]. Ich hätte ja gemeint, der beste Rahmen, um in Geborgenheit aufzuwachsen, ist eine glückliche und liebevolle Familie, ganz unabhängig vom Geschlecht der Elternteile bzw. der Vormunde bzw. (im Falle von Alleinerziehenden) des Elternteils bzw. des Vormunds. Vielleicht unterschätze ich woke Sau (im Übrigen ebenfalls ein Feindbild der FPÖ) aber auch einfach nur die Macht der „Tradition“.

Im weiteren Verlauf des Wahlprogramms warnt die FPÖ vor „Gender-Ideologie, Regenbogenkult und frühkindliche[r] Sexualisierung[8] (nähere Ausführungen zur genauen Bedeutung dieser Kampfbegriffe sucht man vergebens). Diese hätten in „unseren Kindergärten und Schulen nichts verloren[9]. FPÖ-Spezi Orban lässt grüßen.

Lesestunden von Drag Queens würden Kinder in ihrer Geschlechtsidentität verunsichern, „diese Transgender-Propaganda lehnen wir ausdrücklich ab[10], heißt es weiter. Am unteren Ende der Seite 58 des Wahlprogramms gibt es dann noch einen Info- bzw. „Zahlen & Fakten[11]-Kasten mit dem Titel „Es gibt nur zwei Geschlechter[12] – eine reaktionäre Position, die entgegen dem wissenschaftlichen Konsens[13] im Wahlprogramm immer wieder auftaucht. Später wettert die FPÖ dann noch gegen „Transgender-Athleten[14] und betont zum wiederholten Male, dass sie das traditionelle Familienbild verteidigt[15].

Für eine Partei, die sich auf die Fahne schreibt, „den Bürgern [freilich wird hier nicht gegendert, Anm. des Autors] in jeder Hinsicht die Freiheit zurück[zu]geben, nach persönlichem Geschmack im Rahmen ihrer Möglichkeiten über ihr Leben frei zu disponieren[16], wird Mitgliedern der LGBTQIA+-Szene in dem 92 Seiten umfassenden Wahlprogramm recht offen und oft ihr Recht auf persönliche Freiheit abgesprochen. Sie gelten als „Andere“, vor denen die FPÖ ganz nobel, ganz selbstlos, schützen möchte. Diese Stelle möchte ich daher gleich zum Anlass nehmen, um mich bei der FPÖ schon im Voraus dafür zu bedanken, dass ich meine noch ungeborenen Kinder – Luke, Leia und Chewbacca lauten ihre Namen – niemals der Gefahr einer lehrreichen, netten, vorurteilssprengenden Vorlesestunde von Dragqueens aussetzen muss. Danke!

Wie erwähnt tauchen im Wahlprogramm der FPÖ noch weitere „Andere“ auf, von denen sich die Partei klar abgrenzt: Migrant*innen. Sie gelten als Schmarotzer und Bedrohung für die staatliche Sicherheit. Ihnen gegenüber steht der verängstigte, ehrliche, hart-arbeitende, österreichische Bürger.

Gegen den Vorwurf einer pauschalen Verurteilung aller Migrant*innen, wehrt man sich vorausschauend, indem man „qualifizierte Zuwanderung in den österreichischen Arbeitsmarkt“ dort „wo es erforderlich ist[17] akzeptiert. Wer leistet, darf also (zumindest eine Zeit lang) im Land bleiben. Herrlich, Herbert!

Grundsätzlich sollen laut FPÖ in Zukunft jedoch nur „Verfolgte aus Nachbarländern […] temporären Schutz genießen können. Alle anderen Asylanträge sind abzulehnen.“[18] Dass das Recht auf Asyl in Artikel 18 der Charta der Grundrechte der Europäischen Union verankert ist, scheint die Freiheitlichen da wenig zu interessieren.

Nichtstaatsbürger, die in Österreich kriminell werden, sind auszuweisen[19], heißt es ein wenig später auf Seite 51 des Wahlprogramms. Sollte eine Ausweisung in das jeweilige Herkunftsland nicht möglich sein, so „soll ein extraterritoriales Gefängnis mit Abschreckungswirkung für Kriminaltouristen [eine schreckliche Wortneuschöpfung – sowohl onomatopoetisch als auch inhaltlich] zur Unterbringung dienen[20]. Ja, das sind die Fantasien der FPÖ. Sie träumen von ihrem eigenen kleinen österreichischen Azkaban irgendwo im Ausland. Ob man sich als „Abschreckungswirkung“ schon um die Dementoren gekümmert hat? Vielleicht könnte Kickl diesbezüglich ja mal bei J.K. Rowling nachhaken – was Transpersonen angeht, steht man sich ideologisch immerhin recht nah.

An diesem Punkt weigere ich mich aber, die menschenfeindliche Asyl- und „Remigrationspolitik“ weiter zu beleuchten. Nur eine Sache noch: Auf all die fremdenfeindlichen Gedanken, folgt im Wahlprogramm in fetten Großbuchstaben das Kapitel „Solidarität[21]. Genau mein Humor.

Wie auch immer, ich denke, das Bild ist klar genug geworden, meine Ausführungen reichen mit Sicherheit aus, um sich vorzustellen, wie Kickls „Festung Österreich“ aussehen soll: „Weg mit Regenbogenkult, Gender- und Woke-Wahnsinn[22], „Genderverbot im öffentlichen Bereich[23] (und das kommt von der Partei, die sich gegen den grünen „Verbotswahn“ stellt!), „Zurückweisungen an der Grenze[24], „Migrationszentren auf anderen Kontinenten schaffen[25] und „Keine Staatsbürgerschaft für Asylanten[26][27].

Was bleibt mir abschließend also noch zu sagen? Nicht viel – außer, dass es die FPÖ wie keine zweite österreichische Partei versteht, mit dem Bild eines imaginierten Anderen, der „uns“ angeblich in „unserer Freiheit“ beschränkt, Angst zu schüren und Wählerstimmen abzusahnen. Unbestreitbar verhelfen diese künstlichen Feindbilder der FPÖ zu ihrem aktuellen Umfragehoch. Stand heute, gehen die Prognosen sogar von einem Sieg der Freiheitlichen bei der Nationalratswahl aus. Ich für meinen Teil hoffe, mit diesem Text ein klein wenig dazu beigetragen zu haben, dass sich diese Vorhersagen am 29. September nicht bewahrheiten.

In diesem Sinne: Alerta, alerta, antifascista!

Tausendundein Dank[28] für’s Lesen!

[1] Said, E. W., & Holl, H. G. (2021). Orientalismus (7. Aufl.). Frankfurt am Main: S. Fischer.
[2] Reuter, J. (2015). Ordnungen des Anderen: Zum Problem des Eigenen in der Soziologie des Fremden (1st ed.). Bielefeld: transcript Verlag.
[3] Vielfalt.Redaktion. (2022, 18. Mai). Othering. Vielfalt Mediathek. https://www.vielfalt-mediathek.de/othering
[4] Die Volkspartei propagiert nun offiziell „Tradition statt Multikulti“. (o. D.). DER STANDARD. https://www.derstandard.at/story/3000000213774/die-volkspartei-propagiert-nun-offiziell-tradition-statt-multikulti
[5] Freiheitliche Partei Österreichs (2024). Festung Österreich. Festung Freiheit : Wahlprogramm für die Nationalratswahl 2024, S. 13
[6] Freiheitliche Partei Österreichs (2024). Festung Österreich. Festung Freiheit : Wahlprogramm für die Nationalratswahl 2024, S. 13
[7] Freiheitliche Partei Österreichs (2024). Festung Österreich. Festung Freiheit : Wahlprogramm für die Nationalratswahl 2024, S. 13
[8] Freiheitliche Partei Österreichs (2024). Festung Österreich. Festung Freiheit : Wahlprogramm für die Nationalratswahl 2024, S. 58
[9] Freiheitliche Partei Österreichs (2024). Festung Österreich. Festung Freiheit : Wahlprogramm für die Nationalratswahl 2024, S. 58
[10] Freiheitliche Partei Österreichs (2024). Festung Österreich. Festung Freiheit : Wahlprogramm für die Nationalratswahl 2024, S. 58
[11] Freiheitliche Partei Österreichs (2024). Festung Österreich. Festung Freiheit : Wahlprogramm für die Nationalratswahl 2024, S. 58
[12] Freiheitliche Partei Österreichs (2024). Festung Österreich. Festung Freiheit : Wahlprogramm für die Nationalratswahl 2024, S. 58
[13] Stellvertretend für die Fülle an Fachliteratur zu diesem Thema: Baltes-Löhr, C. (2022). Geschlecht als Kontinuum: Über das Aufbrechen binärer Ordnungen (1st ed.). Bielefeld: transcript Verlag.
[14] Freiheitliche Partei Österreichs (2024). Festung Österreich. Festung Freiheit : Wahlprogramm für die Nationalratswahl 2024, S. 59
[15] Freiheitliche Partei Österreichs (2024). Festung Österreich. Festung Freiheit : Wahlprogramm für die Nationalratswahl 2024, S. 68
[16] Freiheitliche Partei Österreichs (2024). Festung Österreich. Festung Freiheit : Wahlprogramm für die Nationalratswahl 2024, S. 17
[17] Freiheitliche Partei Österreichs (2024). Festung Österreich. Festung Freiheit : Wahlprogramm für die Nationalratswahl 2024, S. 50
[18] Freiheitliche Partei Österreichs (2024). Festung Österreich. Festung Freiheit : Wahlprogramm für die Nationalratswahl 2024, S. 49
[19] Freiheitliche Partei Österreichs (2024). Festung Österreich. Festung Freiheit : Wahlprogramm für die Nationalratswahl 2024, S. 51
[20] Freiheitliche Partei Österreichs (2024). Festung Österreich. Festung Freiheit : Wahlprogramm für die Nationalratswahl 2024, S. 51
[21] Freiheitliche Partei Österreichs (2024). Festung Österreich. Festung Freiheit : Wahlprogramm für die Nationalratswahl 2024, S. 67
[22] Freiheitliche Partei Österreichs (2024). Festung Österreich. Festung Freiheit : Wahlprogramm für die Nationalratswahl 2024, S. 58
[23] Freiheitliche Partei Österreichs (2024). Festung Österreich. Festung Freiheit : Wahlprogramm für die Nationalratswahl 2024, S. 59
[24] Freiheitliche Partei Österreichs (2024). Festung Österreich. Festung Freiheit : Wahlprogramm für die Nationalratswahl 2024, S. 46 
[25] Freiheitliche Partei Österreichs (2024). Festung Österreich. Festung Freiheit : Wahlprogramm für die Nationalratswahl 2024, S. 46
[26] Freiheitliche Partei Österreichs (2024). Festung Österreich. Festung Freiheit : Wahlprogramm für die Nationalratswahl 2024, S. 48
[27] Bei all diesen Formulierungen handelt es sich übrigens um reale Überschriften aus dem FPÖ-Wahlprogramm
[28] Wahrscheinlich fangen alle FPÖler bei der Referenz an die arabisch-persisch-indische Geschichtensammlung aus Xenophobie ein bisschen zu zittern an 





Uje, AfD!



Wir schreiben heute den 1. September 2024 - gleichwohl Datum der Landtagswahlen in Thüringen und Sachsen wie schwarzer Tag für die Demokratie. Denn mit dem haushohen Sieg der AfD in Thüringen und einem knappen zweiten Platz in Sachsen, konnten in unserem Nachbarland rechtspopulistische Geschichtsrevisionist*innen nicht zu verleugnende Wahlerfolge erzielen.

Politologisch fachmännisch geschönt kann man dabei von einer Fortsetzung eines gesamteuropäischen Trends sprechen. Plump ausgedrückt heißt das nichts weiter, als dass sich in diesen Ergebnissen der Rechtsruck weiter manifestiert.

Jeweils rund ein Drittel der Wähler in Thüringen und Sachsen haben ihre Stimme einer Partei gegeben, die vom deutschen Verfassungsschutz als "rechtsextremistischer Verdachtsfall" eingestuft wird. Die Landesverbände aus Sachsen und Thüringen gelten sogar als gesichert rechtsextrem. Ein Servus-TV-Außenreporter erklärte sich die große Anzahl der Kreuzerl für die AfD durch frustrierte Protestwähler, die mit der Arbeit der regierenden Ampelkoalition - bestehend aus SPD, FDP und Grüne - nicht zufrieden wären.

Diese Einschätzung weise ich zurück. Ginge es den Wähler*innen bloß darum, der Ampel ihre fehlende Unterstützung zu signalisieren, so hätte genauso gut die CDU in beiden Bundesländern den Sieg davontragen können. Dennoch entschieden sich etwa 33% der Wählerschaft für die rechtsextreme AfD - und das bestimmt nicht nur, weil sie alle ein Zeichen gegen die Altparteien setzen wollten. Die These, dass die AfD bloßes Auffang- und Sammelbecken für all jene ist, die eine Alternative zu den anderen Parteien suchen, gilt ohnehin schon längst als überholt.

Wähler*innen haben heute also nicht nur gegen SPD, FDP und Grüne gestimmt, sondern bewusst für die AfD und ihre Ziele.

Damit haben sie nicht nur gegen die Art und Weise, wie die Ampel mit Klimakrise, Asylanträgen, Covid-Zeit und Ukrainekonflikt umgeht, gestimmt. Nein, AfD-Wähler*innen haben sich heute gegen Klimaschutz und die Aufnahme von Flüchtenden ausgesprochen. Mit ihrem Votum haben sie angezweifelt, dass es sich bei der Corona-Pandemie tatsächlich um eine Krise gehandelt hat und der überfallenen Ukraine ganz offen ihre Unterstützung verwehrt.

Diese Stimmen sind und waren keine Stimmen den Protests - sie sind Stimmen gegen die Vernunft und Menschlichkeit. Getrieben von Ängsten, die Parteien wie die AfD und hierzulande die FPÖ zu schüren wissen.



Neues vom Petersplatz


Während kurz vor Beginn des Pride Months noch alle großen Unternehmen und Institutionen fleißig die letzten Optimierungen an ihren Pinkwashing-Kampagnen vornehmen, hat die katholische Kirche schon einen Frühstart hingelegt. Allerdings in die andere Richtung. Wie man den Nachrichten entnehmen kann, ist Papst Franziskus, Oberhaupt der Kirche, die für Toleranz und Nächstenliebe steht, nämlich so gar kein Fan von Homosexuellen. Der „ausufernden Schwuchteleien“ bezichtigt er Priesterseminare in einer Unterhaltung mit anderen Geistlichen. 

Aber aber, ein Schelm wer sofort Böses denkt. Die Bibel und der christliche Gott der Vergebung lehren uns ja, dass man nicht vorschnell urteilen sollte. Sollte sich im Nachhinein alles doch als ganz anders herausstellen, hätten wir ja gelogen. Und das ist nun einmal verboten. Ist ja  so ähnlich sogar in den 10 Geboten niedergeschrieben, also wortwörtlich in Stein gemeißelt. An dem Gebot gibt's also nichts zu rütteln. Zumindest nicht, solange man nicht die Stärke Samsons besitzt, glaube ich (kleiner Bibelwitz).

Und tatsächlich, der Vatikan gab Entwarnung. Die Aussage des Oberhaupts der katholischen Kirche liegt erstens schon ein Weilchen zurück – sie wurde nämlich vor ein paar Wochen getätigt und ist damit Schnee von gestern. Und zweitens hat Papst Franziskus das Wort „Schwuchtelei“ (im italienischen Originalwortlaut „frociaggine“) überhaupt nur verwendet, weil er des Italienischen nicht so mächtig ist. 

Tja, da hätte ihm der Vater im Himmel wohl die Feuerzunge aus der Bibel zu Weihnachten, also zum Geburtstag seines Sohnes, also eigentlich eh zu seinem eigenen Geburtstag... – naja lassen wir das – schenken sollen. (Für alle Leser*innen, die ihre Oma nicht jahrelang zum Sonntagsgottesdienst begleiten durften, an dieser Stelle eine kurze Anmerkung zu den Feuerzungen: Die Feuerzungen sind eine Referenz auf diejenige Bibelstelle, in der den Jüngern Jesus Feuerzungen erschienen, die sich auf ihnen niederließen und ihnen ermöglichten, dass ihre Predigten von allen Menschen verstanden wurden. Kurzum, alle Sprachbarrieren waren durchbrochen. Heutzutage würde man wohl sagen, dass ihnen der Herrgott ein Babbel-Lifetime Abo direkt in die Birne geladen hat. Oder, dass die Jünger die Duolingo-Eule ungebraten verschluckt haben (um im großen Themenbereich „Zunge-Mund-Rachen-Verdauungsapparat zu bleiben“)).

Naja, wie auch immer. Der Papst wollte also eigentlich gar nicht „Schwuchteleien“ sagen. Zur Kenntnis genommen. Die Situation ändert sich deshalb trotzdem nicht wirklich. Franziskus Meinung, dass Homosexuelle nicht zu Priesterseminaren zugelassen werden sollten, bleibt – ganz unabhängig vom genauen Wortlaut. Die Gefahr sei zu groß, dass sie ihren Neigungen nicht widerstehen könnten, argumentiert er. Ja, das wäre schlimm, wo käme man denn da hin? Wen würde die Kirche dann als nächstes ins Priesterseminar lassen? Etwa Pädophile?

Gut. Im Endeffekt spricht sich der Papst unter Kollegen einfach ganz offen gegen eine Minderheit aus, während er jahrelang zahlreiche Vergehen an Minderjährigen stillschweigend hingenommen hat. Man muss eben wissen, wofür es sich lohnt den Mund aufzumachen. Der Pontifex entscheidet sich wohl lieber für Diskriminierung und Ausgrenzung. So wie Gott es gewollt hätte. Denn folgendes wissen die wenigsten. Als Jesus vor zweitausend Jahren für alle Menschen am Kreuz starb, hat er ganz leise noch den Nebensatz "Nur nicht für die Schwulen!" genuschelt.

Der Papst kennt dieses gut gehütete Geheimnis. Eventuell, weil er damals live dabei war. Oder aber, weil er zwischen den Zeilen der Bibel lesen kann. Die sind schließlich nicht in diesem neuartigen „Italienisch“ verfasst, sondern im glorreichen Latein – einer Sprache, die genauso antiquiert ist wie die Einstellungen des Gottesdieners aus dem Vatikan. 

Man munkelt ja, der Papst hätte einen Draht nach ganz oben. Sollte das wahr sein und sich Gott nicht höchstpersönlich vollkommen erbost bei seiner Vertretung auf Erden melden, plädiere ich dafür, dass Zeus für einen kurzen Augenblick die griechische Mythologie verlässt und seinen Blitz durch besagten Draht fahren lässt, damit es den Herrn am Heiligen Stuhl ordentlich durchrüttelt. Denn egal ob gläubig oder nicht: Ausgrenzung ist so ziemlich genau das Gegenteil der, von der katholischen Kirche so oft gepredigten, Nächstenliebe. 






Der Versager-Nager


In der U-Bahn steigt mir der leicht muffige Geruch von Nagetierfutter in die Nase und ich komme nicht um die Vorstellung herum, dass plötzlich ein selbsternannter Lifecoach hinter den Sitzen hervorspringt. „Riechst du das? Ja? Das ist dein Zeichen, dass du dem Hamsterrad entkommen musst!“, würde er mir, viel zu wenig Körperabstand wahrend, ins Ohr brüllen. Ich soll aus dem Käfig ausbrechen – vom hungrigen Versager-Nager zur satten Raubkatze mutieren, sagt er.

 

Tja, da hat er den Falschen erwischt, denn das österreichische Deutsch lässt es zu, dass ich selbst als das abgemagertste Meerschweinchen der Welt angefressen auf diesen Schneeball-System-Sack sein kann. Und das bin ich auch.

 

Ich meine, warum will mir der Typ bitte unbedingt (ungefragt!) von Angebot und Nachfrage erzählen? Ich blocke mehrfach mimisch, gestisch und verbal ab. Er brabbelt weiter. Anscheinend hat er das Konzept, das er mir da erklären möchte, selbst noch nicht ganz verstanden. Wir gelangen in unserem – zugegeben recht einseitigen Gespräch – bei der unsichtbaren Hand des Marktes an. Ich wünsche mir, dass sie ihn erwürgt.

 

Beim Stichwort „Blockchain“ unterbreche ich mein Gegenüber und stelle die eigentlich obsolete Frage, ob er mich gerade für ein dubioses Schneeballsystem anwirbt oder bloß das Absterben meiner Gehirnzellen vorantreiben möchte. 

 

Er winkt ab und versucht mich zu besänftigen. Es handle sich per se eigentlich um gar kein richtiges Schneeballsystem. „Dann also auch um kein Pyramidensystem?“, hake ich nochmal vergewissernd nach. 

 

Das Schlagwort „Pyramide“ triggert in ihm plötzlich den Impuls, mir von geheimer Alien-Technologie vorzuschwärmen. Erst mitten in seinem ausufernden Monolog, dünkt es ihm, dass er mich eigentlich davon überzeugen sollte, dass es sich freilich auch um kein Pyramidensystem handelt.

 

Zu spät. Ich bin bereits raus – raus aus dem Gespräch, raus aus der U-Bahn und raus aus dem Hamsterrad.

 

Meine Entscheidung ist schon längst gefallen. Ich will ein Löwe, die Spitze der Nahrungskette, werden. Vorausgesetzt Ketten haben überhaupt Spitzen.

 

Na, dann eben ein Teil der Pyramide – am besten auch da die Spitze. Als ich an einem Obdachlosen, also einem arbeitsfaulen Lowperformer, vorbeischreite, bin ich mir schon ganz sicher: Mir – und all den anderen abertausenden Crypto-Business-Löwen – wird die Transformation zur Spitze gelingen. Die Transformation zur Spitze in der Arbeitslosenstatistik.

 

Und das nur, weil sich irgendjemand an einem glühheißen Junitag dazu entschieden hat, seinen Nager mit frischen Leckerbissen aus dem Zoofachgeschäft zu verwöhnen.

 

Wobei, eigentlich komme ich auch als Arbeitsloser an passives Einkommen. Ganz richtig, für mich arbeitet nicht nur das Geld, für mich arbeitet der gesamte Staatsapparat!






Die österreichische Leidkultur

Jetzt ist es also so weit, die ÖVP will eine Leitkultur für Österreich definieren, ein Land, das sich bis vor mindestens achtzig Jahren noch als „Deutsch“ wahrnahm.

Freilich, heute schimpft man auf die „Piefken“, in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sah sich ein Gros der österreichischen Bevölkerung aber noch als Teil von ihnen[1]. Aber gut, die Welt ist im stetigen Wandel. Wer sich vor achtzig Jahren noch leidenschaftlich zum Großdeutschen Reich bekannte, ist heute vermutlich nicht mehr am Leben – was allerdings keinesfalls heißen soll, dass diese perverse imperialistische Fantasie keine Anhänger mehr hat.

Dennoch, im Großen und Ganzen grenzt man sich hierzulande mittlerweile deutlich von Deutschland ab. Ob das jetzt gut oder schlecht ist, wage ich nicht zu beurteilen. Fest steht nur, dass wir auf die über uns beheimatete Industrienation in etwa so wirken, wie dieser eine seltsame Cousin, der auf Familienfeiern immer Insta-Reels präsentiert, die einem selbst schon vor Monaten auf TikTok die Gehirnzellen frittiert haben.

Na und, was soll’s? Österreich hinkt eben manchmal etwas hinterher. Man nennt es auch „Gemütlichkeit“ – das ist etwas, das uns von den überpünktlichen Highperformern im Norden unterscheidet. Und damit hätte die Gemütlichkeit auch gleich das Potential, Teil der österreichischen Leitkultur zu werden. Bitte schön, Susanne Raab, die Idee schenke ich Ihnen und Ihrem Expert*innen-Komitee – vorausgesetzt sie findet noch Platz in der Leitkultur.

Denn, was auf jeden Fall hineinmuss, ist die hohe Rate an Femiziden, die mittlerweile zum Markenzeichen der Alpenrepublik geworden ist. Im EU-Vergleich hängen wir da alle Mitbewerber ab. In sonst keinem anderen Mitgliedsstaat werden seit Jahren insgesamt mehr Frauen als Männer ermordet[2]. Und wenn wir schon beim Thema „Frauen“ sind: Selbstverständlich hat auch der Gender-Pay-Gap ein Anrecht auf einen Fixplatz in der österreichischen Leitkultur. Mit Ausnahme von Estland ist Österreich nämlich auch hier (Berg-)Spitzenreiter innerhalb der Europäischen Union[3].

Jawohl! Ein Grund, um sich im nächstgelegenen Wirtshaus gegenseitig ordentlich zuzuprosten, denn auch das kann das Land am Strome. Bei uns fließt nämlich nicht nur die schöne blaue Donau, sondern auch der Alkohol – und zwar en masse.

Für einen Stockerlplatz reicht’s da aber leider nicht. Dennoch, laut Epidemiologiebericht Sucht 2023 trinkt jede siebte Person „in einem gesundheitsgefährdenden Ausmaß“[4]. Umgemünzt aufs Schneewittchen-Märchen heißt das, dass das Mädchen mit Lippen so rot wie Blut, Haaren so schwarz wie Ebenholz und Haut so weiß wie Schnee, nicht mehr allzu lange warten muss, bis für sie ein Bettchen im Zwergenhaus frei wird. Für Österreich bedeuten diese Zahlen, dass über eine Million Menschen entweder bereits ein Alkoholproblem haben oder gerade am besten Weg dorthin sind. Wie soll man da reagieren? Keine Ahnung, aber eines ist fix, auch der verheerende Alkoholkonsum der Österreicher qualifiziert sich zweifelsfrei als Teil der Leitkultur.

Jetzt fehlt nur noch das bröckelnde Pensionssystem, ein kaputtes Schulsystem und ein derart zerstörtes Gesundheitssystem, dass es nicht einmal mehr nach „Reform“ schreien kann und die Liste ist beinahe komplett. Nur an einem mangelt es noch, nämlich, dass Care-Arbeit Frauensache ist. 

Das wird zwar immer wieder thematisiert, dann aber stets mit einem müden „Das ist leider so…“ abgetan. Wer kulant ist, gesteht Care-Arbeiterinnen (ja, hier braucht man leider kein Gendersternchen[5]) einen Bonus zu, von Veränderung auf struktureller Ebene kann hier aber nicht gesprochen werden. Wenn, dann trifft es „Verhärtung“ wohl eher.

Ich glaube damit wäre die österreichische Leitkultur angemessen erfasst. Dass die ÖVP einen gänzlich anderen Weg einschlagen wird, ist mir auch ohne magische Zauberkugel und Hellsehergabe bewusst. 

Sie wird die Leitkultur derart definieren, dass es einen deutlichen Unterschied zwischen den „Österreichern“ und den „Anderen“ gibt. Denn „Österreich“ hat eine (Leit-)Kultur, die „Anderen“ nicht [*]. Ein gefährlicher Gedanke, der an Zeiten erinnert, in denen Österreicher noch Deutsche sein wollten.


[*] Anmerkung: Heute, am 29.03.2024, hat die ÖVP auf einem Plakatsujet klargemacht, dass Leitkultur für sie "Tradition statt Multikulti" bedeutet (Quelle: dievolkspartei.at). Das ist nicht nur furchtbar rassistisch, sondern auch eine Verleugnung unserer "Tradition", die historisch betrachtet durchaus von anderen Kulturen beeinflusst ist. Ob die ÖVP es will oder nicht, Österreich war und ist "Multikulti". Braucht es diese Art von Geschichtsrevisionismus, um Wahlen zu gewinnen?



[1] Bruckmüller, E., & Diem, P. (2020). Das österreichische Nationalbewusstsein: Ergebnisse einer empirischen Umfrage aus dem Jahr 2019.

[2] Reisinger, E. (2024, February 29). Femizid: Männer sind immer noch ein Problem. ZEIT ONLINE ze.tt. https://www.zeit.de/zett/politik/2024-02/femizid-oesterreich-mord-frauen-maenner (letzter Zugriff: 28.03.2024)

[3] Gender Pay Gap in der EU  -  Statistisches Bundesamt. (n.d.). https://www.destatis.de/Europa/DE/Thema/Bevoelkerung-Arbeit-Soziales/Arbeitsmarkt/Qualitaet-der-Arbeit/_dimension-1/07_gender-pay-gap.html#:~:text=Geringe%20Unterschiede%20im%20Bruttostundenverdienst%20verzeichneten,und%20Deutschland%20(18%20%25)%20aus. (letzter Zugriff: 28.03.2024)

[4] Anzenberger, Judith; Akartuna, Deniz; Busch, Martin; Klein, Charlotte; Schmutterer, Irene; Schwarz, Tanja; Strizek, Julian (2023): Epidemiologiebericht Sucht 2023. Illegale Drogen, Alkohol und Tabak. Gesundheit Österreich, Wien

[5] Mehrbelastung von Frauen: Was heißt eigentlich Equal Care? - Frauenberatung. (n.d.). https://www.frauenberatung.gv.at/informationen/mehrbelastung_von_Frauen_was_heisst_eigentlich_equal_care-.html (letzter Zugriff: 28.03 2024)





Einmal Glück, bitte! 


Als ich gestern Abend in einem eher mittelmäßigen Burgerlokal durch die Speisekarte blätterte, stachen mir zwei Dinge ins Auge: Erstens, die ungemein dämlichen Namen der Gerichte, die vor allem als es ans Bestellen ging für Satzgefüge sorgten, die in jeder anderen Situation zweifelsohne als Vorboten eines Schlaganfalls gedeutet worden wären. Zweitens, folgender, prominent auf der ersten Seite platzierte Spruch: „Glück braucht nicht viel, Glück braucht nur das Richtige.“ 
 
Abgesehen davon, dass der Satz genauso gut das Motto einer kurz vor der Insolvenz stehenden Partnervermittlung sein könnte, erkennt der*die geneigte Leser*in sofort, dass jene Wortaneinanderreihung für sich genommen vollkommen inhaltsleer ist. Denn, was „das Richtige“ ist, das wir zum Glück brauchen, wird nicht expliziert. 
 
Für einen Philosophiestudenten – der noch dazu gerade erst eine Seminarreihe zum Thema „Glück“ besucht hat– ist das selbstverständlich ein gefundenes Fressen. Auch wenn der Spruch für sich nichts sagt, so leitet sich die Frage, worum es sich bei diesem „Richtigen“ handelt, wie von selbst davon ab. 
 
Während um mich herum also „Fiese Holgers mit Baumstamm-Fritten“ (Name zur Wahrung der Anonymität der Restaurantkette von der Redaktion geändert) geordert wurden, driftete ich ab und beschäftigte mich mit der Frage, die mir an diesem Abend von der Speisekarte höchstpersönlich am Silbertablett serviert wurde: „Was ist ‚das Richtige‘, das wir zum Glück brauchen?“ 
 
Dabei ist die Frage überhaupt nicht originell, vielmehr plagt sich die Philosophie mit ihr bereits seit Jahrtausenden herum. Eine klare Antwort gibt es immer noch nicht – was der Diskussion einen gewissen, für mich unwiderstehlichen, Reiz verleiht. 
 
Schon die antiken Griechen – also die, die so aussahen wie der Nikolaus im Bademantel – zermarterten sich das Hirn darüber, was wir brauchen, um glücklich zu werden. Der Schüler Platons, Lehrer des Großen Alexanders und unangefochtener Superstar der abendländischen Philosophie, Aristoteles, postulierte etwa 350 vor unserer Zeitrechnung, dass ein jeder Mensch nach Glück bzw. Glückseligkeit (im Original: „Eudaimonia“) strebe. 
 
Damit ist noch nicht viel gesagt, doch das wusste auch Aristoteles, der den Gedanken weiterstrickte und annahm, dass die Eudaimonia aus einem tugendhaften vernünftigen Handeln resultiert. Damit überführte er das Glück in die Ethik – ein Vorgang, den wir auch bei anderen Theorien beobachten können. Einen Exkurs in die Welt des Moralischen ersparen wir uns an dieser Stelle jedoch. Für unsere Zwecke genügt es zu wissen, dass Glück nach Aristotles Lehre, dem richtigen Handeln entspringt. 
 
Die altgriechischen und römischen Stoiker – ebenfalls begeisterte Toga- und Bart-Träger – übernahmen später Aristoteles Eudaimonia-Begriff, um ihn in ihre eigene Glückskonzeption einzuflechten. Auch für sie war das Glück durch richtiges Handeln zu erreichen, wenngleich sie dieses anders definierten. Als richtiges Handeln galt für sie „naturgemäßes“ Handeln, das heißt Handeln, das im Einklang, mit dem von ihnen postulierten, „vernünftigen Kosmos“ steht. Damit tritt bei den Stoikern im Unterschied zu Aristoteles noch eine theologisch-kosmologische Komponente hinzu. 
 
Selbstverständlich wurde auch außerhalb Europas nach diesem mysteriösen „Richtigen“, das es zum Glück braucht, gesucht. Im Buddhismus – richtig, das ist dieser Hybrid aus Religion und Philosophie, den die esoterische Tante seit ihrem Thailand-Aufenthalt so gut findet – vertrat man schon vor rund 2500 Jahren die Position, dass der glückliche Mensch nichts als völlige Zufriedenheit empfindet. Er ist mit sich und seinen Umständen im Reinen. Genau dann gilt er als „erleuchtet“. Nur wer diesen Zustand durch Meditation und praktisches Handeln erreicht, kann den ewigen Zyklus der Wiedergeburt durchbrechen und ins Nirwana eingehen. 
 
Viel später – im England des 18. Jahrhunderts – entwickelte sich der hedonistische Utilitarismus, dessen Wurzeln im Grunde ebenfalls bis zum griechischen Philosophen Epikur in die Antike zurückreichen. Anhänger*innen dieser Strömung verstehen Glück als Lust bzw. Freude, die es zu maximieren gilt. Folglich beurteilen sie auch die moralische Richtigkeit einer Handlung danach, inwiefern sie die Lust aller von ihr Betroffenen beeinflusst. 
 
An besagtem Abend im Burgerlokal war mir recht schnell klar, dass hier und heute keine Lust mehr maximiert werden würde. Meine Sitznachbarin riss mich mit einem Tippen auf die Schulter aus meinen Gedanken und die Blicke aller anderen machten mir unmissverständlich deutlich, dass ich der letzte im Bunde war, der noch nicht bestellt hatte und nun der gesamte Tisch auf meine erlösenden Worte wartete. Zügig überflog ich die Speisekarte und entschied mich für eine fleischlose Alternative – in der Hoffnung, dass die Veggie-Patties aus Glückspilzen gemacht werden. 






Juhu, das neue Jahr ist da!

 

Eingeleitet von kitschigen GIFs in Familiengruppen und Prosit-Wünschen von Verwandten, die sich erst wieder in einem Jahr melden, starten wir mit einem Montag ins Schaltjahr 2024. Das bedeutet vor allem eines: ein Tag mehr, bis der ganze Schas, wie man im Österreichischen so schön sagt, um Weihnachten und Silvester wieder von vorne beginnt.

 

Aber spätestens am 24. Dezember 2024 serviert die Verwandtschaft erneut selbstgemachten Eierlikör. "Des Rezept hobi von TikTok", brüllt der neue Mann einer Frau, mit der ich mir angeblich irgendeinen Ur-Ahnen teile, selbstbeweihräuchernd, bevor quer über den gedeckten Tisch die klumpige gelbe Substanz simultan heruntergekippt wird. Wer vor der Hälfte absetzt, wird vom Braumeister in ein Gespräch darüber verwickelt, was im nächsten Jahr denn besser gemacht gehöre, wer resilient ist und sein Gläschen leert, bekommt Bauchschmerzen. Am Tischende hört man ein leises Würgen – jemand wurde wohl mit einem besonders voluminösen Brocken gesegnet. Das Ganze ist wie ein Spiel Russisch Roulette mit 6 Kugeln – hier kann man nur verlieren.

 

Irgendwann beginnt Opa seine Geschenke auszutrinken, eine Debatte über Veganer bricht aus, eine Tante mütterlicherseits versucht meine Schwester für ein Heilstein-Pyramidensystem zu rekrutieren. Nach einer Zeit wirft die jüngste Cousine ihr Spielzeug weg – es war offenbar nicht das richtige.

 

Inzwischen torkelt Opa herum und singt Lieder auf die alten Zeiten, Oma ist peinlich berührt, auf ihr Rouge könnte sie ab diesen Zeitpunkt problemlos verzichten. Am Esstisch kippt die Stimmung, im Wohnzimmer der Weihnachtsbaum mitsamt meines nach wie vor fröhlich vor sich hin trällernden Großvaters.

 

Fortan trägt der Fußboden den Weihnachtsschmuck, bloß die Glaskugeln werden ihren Weg im kommenden Jahr wohl nicht mehr auf die Äste einer Nordmanntanne finden können. „Scherben bringen Glück“, lallt der nunmehr schmucklose Weihnachtsbaum, womit die Bescherung endgültig beendet ist.

 

Nach einer Woche, für die die Gesetze der Zeit nicht so richtig gelten, geben wir uns am Einunddreißigsten pünktlich zum Glockenschlag der Pummerin die Hand, der Sekt prickelt nicht, dafür werden die Pflanzen im Haus fleißig gegossen. Mein halbstarker 13-jähriger Cousin pfeffert seinem Vater eine Knallerbse auf dessen kahle Stelle am Hinterkopf, wodurch auch diese Party ihr wohlverdientes Ende findet. 

 

Das letzte Feuerwerk knallt und färbt den Nachthimmel bunt. Man verabschiedet sich etwas zu schwungvoll, dreht sich um und freut sich, dass jetzt für 359 Tage Ruhe einkehrt. Ach ja, die besinnlichste Zeit des Jahres hat gerade erst begonnen – und wie gesagt, 2024 dauert sie sogar einen Tag länger. 

Frohes Neues!