Textsammlung 2021


Sternzeichen


Als Jugendlicher im Jahr 2021 ist man unweigerlich Teil der wichtigsten politischen Debatten der vergangenen Jahre. Dazu gehören unter anderem der Klimawandel wie auch die Akzeptanz der LGBTQ+ Community, denn immerhin ist jeder Mensch gleich viel wert. Ironischerweise macht sich aber auch genau in dieser Generation der Trend “Sternzeichen” breit.  Ohne Schubladendenken geht’s dann doch nicht.

 





Entmenschlicht 

Es war ein typischer Januarabend an dem ich mich, nach einem ausgiebigen Dinner in der Innenstadt, durch die engen, alten, winddurchströmten Gassen Wiens bewegte. Die eisige Kälte fraß sich beißend durch mein Gesicht, es fielen vereinzelte Schneeflocken und ich konnte meine Hände gar nicht tief genug in meine Jackentaschen graben. Nach nichts lechzte ich mehr als nach der wohligen Wärme meiner kleinen Altbauwohnung. Glücklicherweise trennte mich lediglich eine kurze U-Bahn-Fahrt von einer heißen Dusche, die jede Zelle meines Körpers wieder auftauen lassen würde. 

Also schlenderte ich weiter in Richtung Schwedenplatz- vorbei an all den geschlossenen Imbissen, Clubs und Bars, die das Viertel in Nicht-Corona-Zeiten bis früh in die Morgenstunden pulsieren ließen. Jetzt war aber alles leer: die Lokale, die Straßen, ja, teilweise brannten nicht einmal die Laternen. All das verlieh dem ansonsten nur so vor Leben und Energie überquellenden Teil der Stadt eine düstere Aura, sodass man sich wie ins Mittelalter zurückversetzt vorkam. Um diesem Bild gerecht zu werden, fehlte lediglich der sich auftürmende Dreck, der die Gehwege mit der Zeit langsam unter sich begraben würde. Und gerade als die Vorstellung in meinem Kopf Gestalt annahm, erblickte ich einen dunklen, im Wind leicht wippenden, Müllsack inmitten der Straße. Rechts von ihm, dicht an die Fassade eines Supermarktes gedrängt, befand sich außerdem ein merkwürdig anmutender Lumpenhaufen. 

Als ich den Müllsack aber etwas genauer betrachtete, bemerkte ich, dass es sich dabei um einen offensichtlich schwer angetrunken Mann handelte, der wohl nicht mehr in der Lage war, sich von Ort und Stelle zu rühren. Auch die obskure Sammlung von Altkleidern entpuppte sich bei genauerem Hinsehen rasch als eine Ansammlung mehrerer Personen, die dicht an dicht gedrängt versuchten die Nacht durch den Austausch von Körperwärme zu überleben. Hätte man mir in dem Augenblick, in dem ich realisierte, welches Bild sich mir gerade bot, ins Gesicht gesehen, hätte man wohl eine Mischung aus Angst, Hilflosigkeit, aber vor allem einer gewaltigen Portion Mitleid ablesen können. Man wird immer wieder davor gewarnt auf alkoholisierte Fremde zuzugehen, vor allem, wenn sie im Gegensatz zu einem selbst nicht allein sind. Zugegeben, das war auch der erste Gedanke, der mir in den Kopf schoss. Das Bild von gewaltbereiten, alkoholisierten, von Drogen getriebenen Obdachlosen ist so fest in der Gesellschaft verankert, dass es einem schwerfällt, nicht sofort an diesen Stereotypen zu denken. 

Der Anblick belehrte mich aber augenblicklich eines Besseren. Vor mir sah ich einen vom Leben zutiefst gebeutelten Mann, der wie so viele andere jegliche Hoffnung an sich und eine bessere Zukunft aufgegeben hatte. Der wie so viele andere aus einer Mischung von Langeweile und Hoffnungslosigkeit schon vormittags zur Flasche griff und kurz nachdem das Sandmännchen den Kindern „Gute Nacht“ sagt, vollgetrunken, frierend, unfähig sich zu rühren in einer Pfütze in der Innenstadt der Hauptstadt eines der wohlhabendsten Länder der Welt vor sich hinvegetiert, während sich seine Weggefährten Schulter an Schulter eine verlotterte Decke teilen und ihre Augenlider vor Erschöpfung nicht mehr öffnen können. 

Da stand ich also wie angewurzelt, als ich hinter mir Schritte hörte. Sie kamen immer näher, sodass nach erstaunlich kurzer Zeit eine etwas betagtere Dame zielstrebig an mir vorbeieilte. Vor dem durchnässten, frierenden Mann machte sie Halt. Sofort befreite ich mich aus meiner Schockstarre und ging zu ihr. Sie schenkte mir ein kurzes, müdes Lächeln und gemeinsam halfen wir dem schwer lallenden Mann auf die Beine. Seine glasigen Augen trafen die meinen und es war als wäre er in Trance. Im wackeligen Gang steuerten wir auf den Supermarkt zu, wo wir ihn behutsam entlang der Mauer nach unten gleiten ließen. Nun verstand ich auch, warum die Gruppe genau diesen Ort als ihre Bleibe für die Nacht gewählt hatte. Aus dem Luftabzug des Geschäfts strömte warme Luft, sodass sie der Kälte nicht ganz hilflos ausgesetzt waren. Nachdem wir dem Mann seine Mütze aufgesetzt hatten, nuschelte er ein akzentbeladenes „Danke“, ehe er sich an die anderen schmiegte. 

Die Dame sah mich dankend an und sagte etwas, das mich bis heute nicht loslässt: „Es ist doch jeden Tag das Gleiche hier, man tut was man kann, aber es wird halt nicht besser. Wer weiß wie lange er schon da gelegen ist.“ 

In Österreich gibt es mehr als 23.000 Obdachlose. Mit dem Raub einer dauerhaften Bleibe, wird einem nach und nach die Würde und damit jegliche Menschlichkeit geraubt. So sehr, dass andere tatenlos an hilflosen Mitmenschen vorbeigehen als wären sie nur ein Sack voll Müll. So sehr, dass leidende Obdachlose am Straßenrand nur dann der Fokus einer Diskussion sind, wenn sie drohen ein Problem für das Stadtbild darzustellen. So sehr, dass ihr Leben ohne Dach über dem Kopf für sie sowie unzählige, gleichgültige Passanten, aber auch selbstlosen Helfern zum Alltag gehört.