Textsammlung 2022


Ohne Titel 31.12.2022


Es war ein sonniger Wintertag, an dem sich ein Zug seinen Weg durch die zugeschneite Landschaft fraß. Kurz nach Weihnachten begann der Schnee zwar bereits zu tauen, doch säumte er noch die Täler, durch die sich die zwei kleinen Waggons schnitten. Sie beherbergten nur einen Gast, wir nennen ihn N, der gedankenversunken aus dem Fenster schaute. 

Sie fuhren gemächlich am rustikalen Bahnhof eines kleinen Bergdorfes vorbei, ehe der Lokführer merkte, dass wohl kein weiterer Passagier zusteigen wolle und wieder beschleunigte. Der gewitterwolkengraue Rauch der Eisenbahn vermischte sich mit dem Grün der Tannen längs der Schienen, den schneebedeckten Wiesen und den für diese Region so typischen weiß-steinernen Häusern, die oft ein kunstvoll ausgearbeiteter Holzdachstuhl zierte.

Hin und wieder schlängelten sich neben ihnen langsam vor sich hinplätschernde Flüsse, ansonsten wechselte die vorüberziehende Landschaft zwischen Tälern, die mit winzigen Ortschaften gefüllt waren und schroffen Berghängen. Als sie dann doch noch durch einen Tunnel fuhren, schrak N auf, nur um sich dann seinen Gedanken wieder hinzugeben. Bis zum Zielbahnhof war es noch weit. 

Außer ihm befanden sich nur zwei weitere Personen an Bord – der Lokführer und eine durch seine Anwesenheit etwas irritiert scheinende Schaffnerin. Die beiden hielten sich jedoch im vorderen Teil des Zuges auf, er logischerweise im Führerstand, der nicht größer als eine Umkleidekabine war, sie in ein Eck daneben gequetscht. N, der mit dem Rücken zur Fahrtrichtung im hinteren Waggon saß, konnte nur ihre abgewinkelten Schuhspitzen und einen Teil ihrer Schulter erkennen, wenn er sich umdrehte. Das tat er aber nur zu Beginn der Fahrt, umso erschrockener war er, als sie plötzlich vor ihm stand und seinen Fahrschein verlangte. Da bemerkte er auch, dass inzwischen zwei weitere Passagiere zugestiegen waren, die, allem Anschein nach, das Pflichtbewusstsein der Kontrolleurin, die mit ihren Fingern nun ungeduldig gegen ihre Oberschenkel trommelte, geweckt hatten. 

N missfiel dies, immerhin hatte sie bereits davor mehr als genug Zeit gehabt, ihn nach seinem Ticket zu fragen, andererseits schien es auch nicht so, als würde sie in Arbeit versinken, wenn einer der drei Fahrgäste seine Fahrkarte nicht sofort parat hatte. Etwas widerwillig griff er in seinen Mantel und reichte ihr einen stark zerknitterten Zettel, der nur mehr mit viel Phantasie als Fahrschein zu erkennen war. Sie nickte zufrieden und stanzte das Stück Papier, ehe sie sich wohlgemut umdrehte, drei wackelige Schritte nach vorne machte und sich nun dem wohl erst kürzlich zugestiegenem Pärchen zuwandte. Die beiden hatten ihre Fahrscheine schon pflichtbewusst vorbereitet und übergaben diese der Dame, während sie dem, mit seinem Kopf zu ihnen gekehrten N einen erhabenen, triumphierenden Blick zuwarfen. Dieser drehte sich wieder um, damit sie verstünden, dass ihn ihre Meinung nicht das Geringste kümmerte.

N wandte seinen Blick wieder dem Fenster zu. In genau diesem Moment fuhren sie erneut in einen Tunnel und der gesamte Zug wurde in ein seltsam dunkles Tuch gehüllt. Er hörte nur die entfernten Schritte der Schaffnerin, die nach getaner Arbeit jetzt zu ihrem Eckplatz zurückkehrte. Obwohl es stockdunkel war, vernahm N sogleich ihr zufriedenes Schnaufen, als sie, geschaffter als sie es sein sollte, in ihren Sitz sank. Als er dachte, er habe nun wieder seine Ruhe, musste er sich jedoch zusammenreißen nicht lauthals loszubrüllen als ihm plötzlich das Pärchen gegenübersaß. 

Sie waren nun am Ende des Tunnels angelangt und er konnte ihre Umrisse im schwach durch die großen Fenster eintretenden Licht nur erahnen, doch als sie die Dunkelheit vollends hinter sich ließen, war N sich gewiss, dass die beiden, lautlos wie Katzen, in der Finsternis ihre Plätze gewechselt hatten.

Nachdem er den ersten Schreck verarbeitet hatte, fragte er unverzüglich, warum sie sich zu ihm gesetzt hätten, worauf er jedoch keine Antwort bekam. Er hatte keine Lust, das Opfer einer alpenländischen Version des Orient-Express zu werden, also fragte er ein zweites Mal. Als er erneut keine Antwort bekam, fasste er den stillen Entschluss sich wegzusetzen, doch als er seine Hand nach seiner Tasche links von ihm ausstreckte, packte sie einer der beiden und hinderte ihn erfolgreich daran, sein Vorhaben fortzusetzen.

Erschrocken blickte N auf und sah in die Augen eines Mannes, der offensichtlich nur ein Ziel hatte. N wandte seinen Blick der schmächtigen Person neben dem Mann zu. Es war eine junge Frau, vielleicht Ende zwanzig. Sie hatte denselben grimmigen Gesichtsausdruck. N ließ seinen Blick hinabschweifen und bemerkte, dass sie mit einem Revolver auf ihn zielte.. N wusste was nun folgen würde. Ein lauter Knall, ein warmes Gefühl in seiner Brustregion, dann Stille.

Es war kein Rätsel, kein Mordfall, der einen Detektiv zur Lösung bräuchte. Es war eine Kugel, die N's Leben beendete und zwei weitere, die dem des Lokführers und dem der Schaffnerin am nächsten Bahnhof ein jähes Ende setzten, ehe der Mann und die Frau mit N's Tasche in der Hand durch den frisch aufgezogenen Nebel huschten.






Entschleunigung


Ein Mann der 2019 in einer bis dahin eher unbekannten Ecke Chinas genüsslich eine Fledermaus verzehrte, hätte so manches bewirken können, beispielsweise einen Aufschrei in der Foodblogger-Szene, wäre seine positive Review zu dem in meinen Breiten dann doch eher ungewöhnlichen Snack viral gegangen. Wohlgemerkt, ganz falsch ist an dieser Fantasie nicht alles, denn – und an dieser Stelle kann ich mir ein schlechtes Wortspiel keineswegs verkneifen – einen viralen Effekt hatte der wohl folgenreichste Lunch der Welt unbeabsichtigterweise schon, jedoch einen der ganz anderen Sorte. Zwischen den Kauleisten des Herren war das Covid-19 Virus geboren.

Die Aktion des Mannes führte sogleich zu einer globalen Entschleunigung, mitunter bedingt durch Lockdowns und Schließungen beinahe aller öffentlichen Einrichtungen, natürlich abgesehen derer des Gesundheitswesens. Selbst das persönliche Erscheinen in der Arbeit entwickelte sich zu einer Unart - ein Gedanke, den man bis dahin nur im Amtswesen kannte. Für einige Wochen stand das Leben auf unserer kleinen, blauen Kugel praktisch still. Doch es dauerte nicht lange bis sich das Mühlrad des Kapitalismus, angetrieben von Gewinnmaximierung, einem aus der Zeit gefallenen Fortschrittsgedanken und sinkenden Aktienindexen langsam wieder zu drehen begann und alles, was auch nur peripher an die Anfangszeit der Pandemie, die uns wie das Drücken auf den Pausenknopf im Spiel des Lebens vorkam, erinnerte, gnadenlos, beinahe martialisch, unter sich zermalmte. Es war und ist als wolle man all die verlorengegangene Zeit, aber vor allem all die damit verlorengegangenen Profite nun doppelt und dreifach in die Jahresbilanz 2022 schreiben, um die Covid-19 Pandemie als einen von der Krise zur Chance gewendeten Sieg verbuchen zu können.

Die Pandemie hätte einen exzellenten Ausgangspunkt für ein Umdenken in unserer kommerzgetriebenen Gesellschaft geboten. Sie hätte der Anfang einer Bewegung sein können, die versteht, dass ganz besonders wir, die westliche Gesellschaft, ein viel zu schnelllebiges Dasein führen, das uns auf Dauer kaputtmacht. Für einen kleinen Augenblick schien es so als würde das auch funktionieren, bis Großkonzerne darauf drängten endlich wieder den Normalbetrieb aufnehmen zu können und die Pandemie viel zu verfrüht von mehreren offiziellen Stellen für beendet erklärt wurde. Schlagartig kehrten wir zu alten Verhaltensmustern zurück, die Sucht des schnellen Geldes war nicht überwunden und hohe Effizienz zum Ausgleich der Einbußen durch zwei Jahren Pandemie, in der man sich ja immer brav an die Regulierungen gehalten hatte, so gefragt wie nie. 

Was von der Entschleunigung des Alltags bleibt, sind die Erinnerungen an eine Zeit, die wenn auch für einen großen Teil der Bevölkerung psychisch sehr fordernd, zeigte, dass nicht immer alles sofort geschehen muss und die Profite von Großunternehmen unwichtig sind, wenn ein tödliches Virus vor und manchmal leider auch innerhalb unserer Türen wütet – eine Lektion, die wir viel zu schnell vergessen haben. 





 

Objektives Wohlbefinden 


Es ist 23 Uhr, ich sitze am Schreibtisch im Eck meines halbfertig eingerichteten Zimmers in Wien, durch das geöffnete Fenster schlängelt sich die angenehm kühle Luft langsam um mich, es ist als wollte sie mich zum Tanz auffordern. Im Hintergrund lädt mein Smartphone, aus dessen Lautsprechern leiser Blues dröhnt. Ich merke wie sehr mir dabei das für Schallplatten so charakteristische, unregelmäßige Knacken und Knistern fehlt. Der nachlassende, orange-gelbliche Schein einer einsamen Straßenlaterne fällt in mein Zimmer, sodass ich lediglich davon und dem grell-weiß-beißenden Licht meines Laptop-Bildschirms beleuchtet werde. Ich lasse meinen Gedanken freien Lauf und wandere so von einem zum anderen, bis ich bei dem angekommen bin, der mich eigentlich schon den ganzen Tag über begleitet hatte- die absolute Verständnislosigkeit gegenüber dem totalen Körperwahn, der spätestens seit den 90ern über uns hereingebrochen ist und in meiner Bubble nun seine vorläufige Spitze erreicht hat. 

Fast schon religiös lechzen sie alle nach dem perfekt durchtrainierten Körper, dem heiligen Gral der Fitnessszene. Brot und Wein stellen sich in der Form von Proteinriegel und Shakes dar, den Ort zur Zusammenkunft und des Bekenntnisses zum Glauben markiert unter jeder U-Bahn-Unterführung, neben jedem Kindergarten, in jedem Parkhaus das Erlösung-versprechende-Neonschild mit der Aufschrift: „Gym“. Ihr gemeinsames Zeichen: Fürze, die aufgrund des Eiweißüberschusses nicht nur stinken wie ein über die Sommerferien im Schulranzen vergessenes Salami-Essiggurkerl-Butterbrot, sondern auch so scharf sind, dass sie sich locker durch das Metallgehäuse eines Flugzeuges brennen könnten, während sich ein jeder Insasse ob der mephistophelischen Geruchskomposition fragt, warum ihm nicht einfach ein herkömmlicher Absturz vergönnt wurde. 

Und plötzlich ist ein*e Jede*r auf der Suche nach dem Körper, der genau das auch kann. Aber warum? Nur weil’s online so vorgezeigt wird? 

Fragt man mal persönlich nach, bekommt man so gut wie immer dieselbe Antwort: „Na weil’s gesund ist“ Doch wie gesund kann es sein sich im Halbschlaf kurz nach dem Aufstehen die ersten paar Löffel X-TREME MASS WHEY BOB DER MUSKELAUFBAUMEISTER Proteinpulver von der Tanke nebenan ins lauwarme Wasser zu schaufeln, während das eine Bein noch in der Pyjamahose steckt? Wie gesund kann es sein, jeglicher Erfahrung entbehrend, mit Maschinen zu trainieren, die eigentlich für Bodybuilder erfunden wurden, denen das eigene Körpergewicht an der Klimmzug-Stange irgendwann nicht mehr genug war? 

Die Antwort auf diese Fragen ist kurz: Es ist nicht gesund. Den meisten ist das aber auch egal, solange sie nur das Gefühl haben „healthy“ zu sein, denn daran setzt die boomende Pseudofitnessszene alles. Der gesamte Werbeapparat der Industrie ist nur darauf ausgelegt das Bild eines gesunden Lebensstils zu vermitteln und zu verkaufen- mit überteuerten Mitgliedschaften, Nahrungsergänzungsmitteln und Sportkleidung. Wer sich ernsthaft mit Fitness und dem subjektiven Wohlsein auseinandersetzen würde, käme bald zum Entschluss, dass es all das tatsächlich gar nicht bräuchte, um zu einem gesunden, kraftvollen Körper zu gelangen. Dann müsste man sich aber tatsächlich und vor allem aus Eigenmotivation mit dem eigenen Körper und seinem physischen Wohlbefinden auseinandersetzen – ein absurder Gedanke! 

Die Realität sieht vor allem deshalb anders auf, weil uns von allen Seiten vermittelt wird, wie ein gesunder Körper auszusehen hat, nicht aber wie er sich anzufühlen hat. Es wird das Bild einer optimalen Physis gezeigt, nach der wir alle streben sollten und durch den Gruppenzwang beflügelt eigentlich irgendwie auch müssen. Dabei wird uns immer nur eine Art und Weise gezeigt, den ach so vitalen Traumkörper zu erreichen- die schnelle, die eigentlich nichts mit echter Fitness zu tun hat- das Äquivalent zum verpönten Fastfood in der Restaurantbranche- postmoderne Fast Fitness. 






Kopffreimachtext


Schriftsteller und Autoren behaupten oft, dass sie es schrecklich finden an einem Text oder gar an einem Buch zu schreiben. Nun stellt sich die Frage, wieso sie es dennoch tun. 

Die Antwort ist denkbar einfach: Sie finden es noch zerreißender nichts zu schreiben. 

Da bemerkt man sofort, so richtig glücklich kann man als Kreativer in diesem Bereich ja nie sein. Falsch- die kurze Phase zwischen Fertigstellung und Publikation eines Werks, ist das worauf jeder halbwegs leidenschaftliche und damit durchaus masochistisch veranlagte Schriftsteller hinarbeitet.

Doch schon kurz nach Veröffentlichung kitzelt einen bereits das nächste Projekt im Nacken und flüstert einem frische Ideen ins Ohr, die man natürlich schnellstmöglich umsetzen muss. Und so stürzt man sich erneut in die Arbeit, vergräbt sich wie Doktor Frankenstein monatelang in sein Studierzimmer und quält sich, ähnlich einem Marathonläufer, mühselig zum Ziel, nur um dann all die Leiden des Weges dorthin, schlagartig zu vergessen. 

Es ist ein seltsamer Schlag Mensch, der die leeren Zeilen seines Word-Dokuments, Blocks oder sonst was gleichzeitig füllen und dann doch so unbeschrieben stehen lassen möchte. Denn, wenn einen der Akt des Schreibens schon derartig innerlich zerfrisst, dann ist das noch immer nichts gegen diese Abschnitte im Leben eines Autors, in denen er sich, aus welchen Gründen auch immer, von seinem Handwerk distanziert. Dann ziehen sich Stunden, Tage und Nächte ins Unendliche, denn die Gedanken werden schließlich nicht weniger und es mangelt an einem Ventil. 

Je länger dieser Prozess voranschreitet, desto grausamer wird er, denn letztendlich möchte man doch zurückkehren, zu Federkiel und Papier. Und wenn man dann nach ewiger Abstinenz über dem Pergament hockt, versucht seine Gedanken zu bündeln und auch nur einen geraden Satz herauszubringen, dann wird man jämmerlich daran scheitern. Es ist, als wolle der gesamte Wasserbestand eines Dammes gleichzeitig aus einem winzigen Loch heraustreten. Diesen Druck spürt man innerlich - wie all die aufgeschobenen, verdrängten Gedanken gegen die Schädeldecke pressen und sehnsüchtig darauf warten in schöne Worte gehüllt zu werden, die man in solchen Momenten unmöglich findet, da zu viel in einem selbst vorgeht. 

Manchmal hilft dann nur ein „Kopffreimachtext“ wie dieser hier, mit dem man sich langsam seinem alten, besseren, glühenden Künstler-Ich annähern und dieses bestenfalls übertreffen möchte. Ob dies gelingt, hängt ganz am Schreiberling, der sich fortan keine allzu ausgedehnten Erholungen mehr gönnen sollte, fressen sie ihn doch innerlich auf und machen ihn dem unkommentierten, unkritischen Alltagstrott untertan.