Textsammlung 2023
Warum die Bachelorarbeit Prag-tisch abgeschafft ist
Gleich vorweg, dieser Text soll nicht zu einer Erörterung im Schularbeitsformat verkommen, wenngleich sich das folgende Thema noch so sehr dafür anbieten würde. Mit dieser Einleitung sind aber schon mal die Weichen in eine andere Richtung gelegt, denn so, liebe Kinder, beginnt man keine Erörterung – wohl aber einen Essay, eine Glosse, einen Kommentar, in welche Kategorie dieser Text auch immer fällt. Hier ist der überambitioniert analysierende und interpretierende Schülerverstand gefragt. Nun gut, genug der einleitenden Worte, kommen wir zur Sache.
In aller Kürze: Die Wirtschaftsuniversität Prag (Ob die wohl Mensa-Fraß zu vernünftigen Preisen anbietet? Looking at you, WU Wien Mensa und deine Tiefkühl-Margherita um 8€.) möchte Bachelorarbeiten abschaffen.
Hintergrund sei die steigende Nutzung von Künstlicher Intelligenz, die das Zusammenfassen von komplexen Inhalten – wie etwa von Fachliteratur – per Knopfdruck in Sekundenschnelle (nahezu) fehlerfrei ermöglicht. Und weil eine Bachelorarbeit im Prinzip nichts anderes ist, als ein buntes Tuttifrutti aus Zusammenfassungen ganz vieler verschiedener Bücher, hat man sich dazu entschieden, das Konzept „Bachelorarbeit“ nicht nur zu überdenken, sondern gleich komplett zu verwerfen bzw. zu „deleten“ oder wie man im zeitgenössischen AI-optimierten-Internet-Sprech eben sagt.
Was soll‘s aber stattdessen geben? Ein praxisorientiertes Ende, so viel ist schon mal fix. Eigentlich keine blöde Idee, denn eine ausgedehnte Zusammenfassung ist nicht nur ein Oxymoron wie es im Buche steht, sondern, ehrlich gesagt, wirklich kein glorreicher Weg, um ein mehrjähriges Studium zu beenden. Aufs Wesentliche heruntergebrochen, vergräbt man sich ja doch nur monatelang in Fachliteratur zu einem ohnehin schon vollständig ausgearbeiteten Thema.
Das Ziel einer Bachelorarbeit ist es also nicht, neue Erkenntnisse zu sammeln, sondern bestehendes Wissen innerhalb einer ganz bestimmten Nische derart originell zusammenzutragen, dass man am Ende nicht wegen Plagiarismus der Universität verwiesen wird. Und 10 Semester, nachdem man Philosophie „nur mal kurz“ anstudiert hat, steht man dann mit dem Armutszeugnis unterm Arm im Arkadenhof der Uni Wien und schlürft billigen Champagner, während entfernte Verwandte neckisch fragen, ob man denn schon weiß, bei welchem Taxi-Unternehmen man sich demnächst bewerben wird. Diese Witze würden übrigens keinem Plagiats-Check standhalten.
Wie auch immer, wirklich sinnvoll ist das jetzige Konzept tatsächlich nicht. Leider hat die Prager Uni noch keine konkrete Idee, wie der zukünftige praxisorientierte Ansatz aussehen soll, wohl aber ich.
Aufgepasst, meine Damen und Herren, hier folgt der Reformvorschlag auf den Prag, Wien, und – warum sollte ich an dieser Stelle falsche Bescheidenheit walten lassen – der Rest der Welt gewartet haben: Am Ende eines Bachelor-Studiums sollte man dazu verpflichtet werden, an einem Forschungsprojekt mitzuarbeiten. Nicht so ein "Wir-lassen-Eiswürfel-schmelzen-und-zeigen-damit-wie-gefährlich-der Klimawandel-für-die-Eisbären-ist"-Forschungsprojekt, sondern ein echtes, seriöses, wissenschaftliches.
Dabei lernen die fast fertig studierten Studenten, wie Wissenschaft aktiv betrieben wird, während sie gleichzeitig die in den Vorlesungen vermittelten Inhalte aus den dunklen Ecken des Hirnes kramen und zum Einsatz bringen müssen. Sie lernen, wie man forscht, nutzen aktiv die ansonsten so realitätsfern anmutenden faden Theorien und kommen mit Forschenden in Kontakt, die ihnen vielleicht sogar zeigen, wie man eine ECHTE wissenschaftliche Arbeit anstatt einer 40-seitigen Zusammenfassung mit Einheits-Deckblatt schreibt. Und alle Lehrenden und Minister*innen, die unbedingt am Konzept einer geschriebenen Abschlussarbeit festhalten wollen, können ja einen mehrseitigen Reflexionsbericht einfordern.
Der Fokus bei der abschließenden Teilnahme an einem Forschungsprojekt, sollte, meiner Meinung nach, auf einem Miteinander liegen. Für mich liegt es auf der Hand, dass Studierende und Praktizierende (es folgt eine Wortwiederholung, weil ich zu faul bin, mir eine alternative Formulierung zu überlegen), Hand in Hand an einem Projekt arbeiten, sich gegenseitig über die Schulter schauen und im besten Falle sogar voneinander lernen. Was ist das Schlimmste, was dabei passieren könnte? Dass in Europa eine blühende, diverse und Input-lastige Forschungslandschaft entsteht?
So ein praktisches Ende könnte Job-Perspektiven zeigen und Orientierung dafür bieten, ob man im Anschluss an den Bachelor mit dem Master-Studium weitermachen möchte. Oder man kommt auf den letzten Metern zur Einsicht, dass man sich doch gewaltig verstudiert hat und jetzt am besten nochmal an einer anderen Fakultät von vorne beginnen möchte. Jedes Ende kann ja auch ein Anfang sein – oder jeder Anfang ein Ende?
Ist auch egal. Am Ende geht’s doch nur darum, dass Anwendungen wie Chat GPT der Anfang vom Ende von Bachelorarbeiten an Universitäten (und vielleicht auch an FHs, aber ganz ehrlich, wer interessiert sich überhaupt für die?) sein könnten. Und das ist meiner Meinung nach nicht unbedingt schlecht.
Anfang, äh, Ende.
No Karli, No!
Aus gegebenem Anlass tauche ich aus der Versenkung auf – und das, obwohl ich eigentlich mit Tee und Kuscheldecke meine Erkältung auskurieren sollte. Allerdings macht derzeit ein Video die Runde, in dem Karl Nehammer Teilzeit-Angestellten empfiehlt, einfach mehr arbeiten zu gehen, wenn das Geld zu knapp wird, und im Anschluss noch dazu aufruft, Kindern einen Cheeseburger von McDonald’s zu besorgen, wenn sie denn unbedingt eine warme Mahlzeit wollen. "Ist zwar nicht gesund, aber billig", fügt er dann in einem Augenblick der Selbstreflektion hinzu.
Gut, wahrscheinlich lehne ich mich etwas zu weit aus dem Fenster, wenn ich Karl Nehammer Selbstreflektion unterstelle, denn selbstverständlich mangelt es an dieser Fähigkeit, wenn man derartig hirnrissiges Stammtischgelaber von sich gibt – umso erschreckender, dass es sich beim Sender der Botschaft um unseren Bundeskanzler handelt.
Wie kann es sein, dass die vermeintliche politische Spitze unseres Landes, Armutsbetroffenen Tipps gibt, die selbst ein pickeliger 13-Jähriger, der gerade eben das 3B-Schema gelernt hat, argumentativ widerlegen könnte? Schließlich gehört ein Kapitel über die Nachteile von Fast- und Junkfood zum Repertoire eines jeden Schulbuches, das etwas auf sich hält. Auf Deutsch, Englisch und Französisch habe ich die negativen Seiten von BigMac, Long Chicken und Co. in dutzenden Aufsätzen gebetsmühlenartig heruntergerattert, nur damit mir 2023 einer der mächtigsten Männer Österreichs erklärt, dass der Cheeseburger eines internationalen Fastfood-Megakonzerns eine angemessene, kostengünstige, warme Mahlzeit für unsere Jüngsten darstellt.
Unser Bundeskanzler, dessen Aufgabe es eigentlich sein sollte, die steigende Kinderfettleibigkeit zu bekämpfen, fordert aktiv dazu auf, Heranwachsenden einen Burger aus leeren Kalorien, Käse, der irgendwie nicht so richtig schmelzen will und fettigen Burger Patties vorzusetzen. Vielleicht reicht Karl Nehammer für seine Empfehlung aber schon das McVersprechen, nach dem das in den Burgern verwendete Rindfleisch zu 100% aus Österreich stammt. Bei „100% Österreich“ läuft dem Bierzeltkönig, dessen gesamtes Image auf reaktionärem Patrioten-Gehabe fußt, unabhängig vom Nahrungsmittel, nämlich ganz bestimmt das Wasser im Mund zusammen.
Das Schlimmste ist aber sowieso, dass der ÖVP-Bundesparteiobmann in geselliger Runde dazu aufruft, Kindern einen 1.40€ Burger als Mittagessen zu kaufen und dabei nicht einmal zu verstehen scheint, dass es eine Dreistheit sondergleichen ist, dass ein hochverarbeitetes TIERPRODUKT in Punkto Preis eine frisch zubereitete Mahlzeit aus stinknormalen Supermarkt-Produkten meilenweit hinter sich lässt, sodass diese als Alternative für Armutsbetroffene kaum mehr infrage kommt.
Ja, damit hat er es Babler – der sich für eine tägliche gesunde, warme Mahlzeit für ein jedes österreichische Kind einsetzt – wirklich gezeigt.
Die Cheeseburger-Aussage an sich wäre für die österreichische Bevölkerung schon Anlass genug, sich zum wiederholten Male über unseren Bundeskanzler zu echauffieren. Allerdings macht sie ja nur den zweiten Teil seiner Wutrede aus, denn davor rät unser Pendant zum deutschen Ex-Piraten Olaf Scholz noch dazu, Stunden aufzustocken, wenn das Einkommen denn zu klein wäre. Ah, Österreichs bekanntester Philanthrop hat wieder zugeschlagen!
Umringt von halbleeren Weingläsern, macht der Neoliberalismus aus Nehammers Mund keinen Halt vor all jenen, die rund um die Uhr unbezahlte Care-Arbeit leisten und deshalb kein höheres Arbeitspensum stemmen können. Es kommt ihm nicht einmal in den Sinn, dass es ganz andere Gründe als Faulheit geben kann, die dazu führen können, dass bei manchen mehr als 20 Arbeitsstunden pro Woche nicht drinnen sind. "Wenn ich zu wenig Geld habe, gehe ich mehr arbeiten", spricht unser Volksvertreter, dem die Bedürfnisse aller Österreicher ach so am Herzen liegen und ignoriert dabei gekonnt den Kern des Problems. Nämlich, dass er Vorsitzender eines Kabinetts ist, dass es seit Monaten nicht schafft, die massive Inflation in den Griff zu bekommen. Stattdessen wälzt er die Probleme der Teuerungswelle auf die Bevölkerung ab und gibt ihr die Schuld dafür, dass sie damit hadert Alltägliches zu finanzieren.
Engstirnig lässt Karl Nehammer völlig außer Acht, dass er und seine Regierung dafür verantwortlich sind, wenn sich Familien den Wocheneinkauf nicht mehr leisten können. In Sektlaune verteilt er Ratschläge à la „Dann lasst sie doch Kuchen essen!“[1]. Zynisch oder weltfremd, ist die Frage. Die Antwort ist eigentlich egal, beides sollte ein Bundeskanzler nicht sein.
Zum Abschluss möchte ich noch kurz in die heimische Musikszene der Achtziger abdriften – ein kurioser Bruch, ich weiß. Damals veröffentlichte die Erste Allgemeine Verunsicherung, kurz EAV, ihren Hit "Go Karli Go". Jetzt macht der Exkurs wahrscheinlich schon mehr Sinn. Ich glaube, würde dieser Song heute frisch auf Platte gepresst werden, müsste er "No Karli No" heißen. Und genau das ist auch meine Bitte an unseren Kanzler, wenn er noch einmal meint, mit menschenverachtenden Ratschlägen dieser Art, gegen existenzbedrohende Probleme zu helfen.
[1] Diese Aussage stammt übrigens nicht von Marie Antoinette, sondern wurde ihr bloß angedichtet.
Kicks durch Klicks - Ein Plädoyer für den Verzicht
So wie mittlerweile jede Generation ihre eigene Version des Smash-Hits „Beggin‘“ hat, so hat auch jede Generation ihre Laster. Bei den Babyboomern sind es skandalös schlechte Facebook-Minion-Memes, die den unsäglichen Hass auf ihre Ehepartner auf pseudo-humorvolle Art und Weise verarbeiten und selbst einen Blinden sehen lassen würden, dass sich das Verhältnis der beiden eher in die Kategorie Nutznießer oder Zweckverbindung als Liebe einordnen ließe. In jener Generation herrschen aber natürlich noch wahre christliche Werte vor, weshalb eine Scheidung nur vom Sensenmann höchstpersönlich vollzogen werden kann. Und beim Alkoholkonsum so manch eines Kartenspieler-Wirtshaus-Opas kommt es mir so vor, als wollten sie diesen auf halber Strecke abpassen.
Den Babyboomern folgt dann die Generation meiner Eltern, an der ich natürlich nichts auszusetzen habe, solange ich noch Dauergast im Luxus- und Wellnesshotel Mama bin. Den Begriff „Tupperparty“ möchte ich dennoch ohne weiteren Kommentar in den Raum werfen. Dann kommen schon die Millennials, an der sich schon von allen Seiten des politischen Spektrums zu Genüge abgearbeitet wurde. An dieser Stelle deshalb im Schnelldurchlauf die Dauerbrenner: Avocado-Toasts, Beanies, dicke, schwarze, runde Brillen, Siebträgermaschinen, Latte Art und selbstverständlich das skandinavische Lebensgefühl Hygge, dem sie hinterherlechzen wie ein Cartoon-Hund einer langen Kette aus dicken Würsten. Und da wären wir auch schon bei mir, Gen Z, Generation-Faul-Herumliegen-und-Meckern, die Schneeflocken, diejenigen, die’s damals ganz sicher nicht ausgehalten hätten und was wir uns sonst noch alles von denjenigen anhören müssen, die ab den 60ern in Saus und Braus lebten und der Erde dabei derartige Schäden zugefügt haben, dass es mir nicht mal mehr erlaubt ist, aus einem Plastikstrohhalm zu trinken. Wie auch immer: Unser größter Laster ist zweifelsohne Social Media.
Wir, die „Digital-Natives“, sind die erste Generation, die mit dem Internet und all seinen Möglichkeiten aufgewachsen ist, die erste Generation, die sich Enthauptungsvideos vorm Frühstück und Minecraft Let’s-Plays zum Einschlafen angesehen hat, die erste Generation die den Berufsstand des YouTubers als zukünftige Karrieremöglichkeit in Betracht zog, die erste Generation von so Vielem, was mit dem World Wide Web zusammenhängt – und hoffentlich die letzte.
Als ich 12 Jahre alt war, habe ich mir meinen ersten Instagram Account erstellt, mit 14 Jahren dann meinen ersten Instagram-Meme-Account, sodass ich mit 15 Jahren meinen ersten Livestream gehostet habe, bei dem mich erwachsene Männer im Beisein meiner Mutter als Hurensohn bezeichnet haben. Nachdem ich einige Monate darauf meinen Account, dem zu diesem Zeitpunkt knapp hunderttausend Leute folgten, abgegeben hatte, habe ich mir, ohne auch nur einmal darüber nachzudenken, einen neuen, privaten Account erstellt - denn wer möchte schon von der Community ausgeschlossen sein? Freilich habe ich außerdem jedes Hashtag auf Twitter, jeden „Beef“ zwischen zwei testosterongeladenen Fifa-Spielern auf YouTube, jeden neuen Filter auf Snapchat und jede brisante Antwort meiner Klassenkamerad*innen auf AskFm verfolgt. Kurzum, ich war wie jeder andere Heranwachsende. Gegen TikTok konnte ich mich zum Glück wehren, denn mit dem Populärwerden jener Plattform, die es wie keine zuvor vermochte Alt und Jung auf einer durch und durch personalisierten, auf den*die Benutzer*in maßgeschneiderten App, zu vereinen, setzte bei mir endlich ein Umdenken ein.
Dass Social Media Unternehmen zunehmend versuchen User*innen an ihre Plattformen zu binden, ist ein Geheimnis so offen wie das Messer in das wir dabei alle laufen. Vor keinem Mittel wird zurückgeschreckt: Die erwähnte personenspezifische Anpassung der Inhalte ist nämlich nur ein Teil der skrupellosen Mechanismen, die in der Branche erfolgreich Anwendung finden.
Social Media Apps arbeiten immer mehr mit psychologischen Methoden, die ein Suchtverhalten nicht nur ankurbeln, sondern dezidiert zum Ziel haben. Allen voran: Kurze Clips mit Pointen, die schneller gezündet werden als das Hirn sie verarbeiten kann und Programmierungen, die sogenanntes „Doom-Scrolling“ ermöglichen, das heißt ein endloses Anzeigen von Inhalten, das nicht nur Abonnements bzw. Follows einschließt, sondern auch ähnliche Posts und Kanäle anzeigt, bei denen man in Zukunft auch öfter mal liken, kommentieren und teilen könnte. Jede erfolgreiche App vereint diese Elemente und testet die Grenzen pausenlos aufs Neue aus, um mehr Nutzer*innen zu akquirieren und bestehende länger auf der jeweiligen Plattform zu behalten. Warum? - Damit Nutzer*innen mehr Werbung konsumieren und ihr Geld bei irgendeiner austauschbaren Influencerin liegen lassen, die mit einer Kosmetik-Firma, der aus unerfindlichen Gründen 3 Millionen Leute folgen, ein voll innovatives Pflegeprodukt, das viel besser als das Vorherige ist, auf den Markt bringt. Selbstverständlich riecht das Shampoo oder was sonst beworben wird, unglaublich gut. Das kann man nämlich einem Insta-Post, in dem sich eine blonde Dame lasziv in einer Badewanne voller Blüten rekelt, hervorragend entnehmen. Natürlich sagt sie die Wahrheit, wenn sie davon spricht, dass ihr Produkt, das man so eigentlich schon zehntausende Male weggeschmissen hat, den Markt revolutionieren wird. Im Gegensatz zu ihr, haben Lügen nämlich keine langen Beine. All das schreit förmlich nach Authentizität. Oder sind es vielleicht doch die indischen Arbeitssklaven, die einer nach dem anderen von den Wolkenkratzern des Influencer-Paradieses Dubai krachen?
Man muss kein Fachmann sein, um zu erkennen, dass diese Art des Konsumierens von Inhalten früher oder später beträchtliche Schäden nach sich zieht, weshalb ich den ersten seriösen Langzeitstudien zu Social-Media Konsum so sehnsüchtig entgegenblicke wie ein Backpacker seinem Thunfischbrot, das er in seinem, für solch einen Trip etwas zu wenig gefüllt wirkenden Rucksack, schon 3 Tage durch das subtropische Athen bugsierte, um es sich nun im überfüllten Zugabteil genüsslich und von gesprächsübertönenden Schmatz-Geräuschen untermalt, einzuverleiben.
Aus persönlicher Erfahrung hingegen, kann ich von einigen negativen Effekten berichten und wenn man sich so umhört, so decken sie sich erschreckend oft mit denen von anderen. Angefangen bei extremer Unruhe, wenn man sich mal nicht mit einem YouTube-Video vor der Nase im Halbschlaf das Müsli neben den Mund schaufelt, über die bekannte Problematik des Dranges selbst genauso perfekt sein zu wollen, wie alles und jeder auf Social Media, bis hin zur Schwierigkeit auch nur einen kohärenten Gedankengang im Kopf auszuformulieren, bevor einem die zwanzig Meter lange Wand aus Einbaukästen von Bibis Beauty Palace in den Sinn kommt. Diese Folgen verwundern als Nutzer*in, aber auch als Außenstehend*e, nicht, vor allem, wenn man sich vor Augen führt, dass die von Expert*innen empfohlene maximale, tägliche Dosis von Social Media bei 30 Minuten liegt[1] – für viele deckt das nicht einmal die Zeit vom Aufstehen bis zum Zähneputzen.
Die Politik hat, was Einschränkungen für Werbetreibende, Richtlinien bezüglich Süchtig-Machender-Algorithmen der App-Betreiber und den daraus resultierenden Konsequenzen, angeht, bereits verschlafen und eine Generation, meine Generation, wird höchstwahrscheinlich irreversible Schäden von einem ungebremsten und vor allem unregulierten Social Media Konsum davontragen, an dem sich das Gesundheitssystem in den kommenden Jahren systematisch überfordert, abarbeiten wird. Wer die Schuld daran den Konsument*innen gibt, hat gar nichts verstanden.
Das Suchpotential rührt nämlich vor allem daher, dass Social Media Plattformen generell als Dopaminspender fungieren. Jeder Beitrag, jeder Like, den wir bekommen, jeder positive Kommentar setzt etwas von diesem Glückshormon frei. Doch wie bei jeder anderen Art von Sucht auch, lässt die Intensität des „Kicks“ nach einer gewissen Zeit nach. Die Lust danach mehr oder wieder so intensiv wie beim ersten Mal zu fühlen, treibt User*innen dazu weiter zu scrollen – was, solange die Internetverbindung stabil ist, kein Problem darstellt. Die Suchtexpertin Dr. Anna Lembke sieht in diesem uneingeschränkten Zugang, gepaart mit dem unstillbaren Verlangen nach mehr Dopamin, die große Gefahr von Social Media[2]. Personalisierung befeuert dieses Verhalten, indem sich der Feed ständig an die Nutzer*innen anpasst und damit verspricht konstant Glücksgefühle auszulösen. Bereits im Jahr 2018 gingen die DAK und das Deutsche Zentrum für Suchtfragen davon aus, dass bis zu 100.000 der 12- bis 17-Jährigen in Deutschland abhängig von Social Media sein könnten[3].
Auf die Wahrheit der angezeigten Inhalte wird dabei jedoch keinerlei Rücksicht genommen. Trotz Fact-Checking bieten soziale Netzwerke einen Nährboden für die Verbreitung von Verschwörungsmythen und Falschinformation, aber auch für Hass und Hetze, was in weiterer Folge zur Radikalisierung führen kann. In der Kriminalstatistik 2021 schrieb das Bundesministerium für Inneres diesbezüglich folgendes: „[…] Verharmlosung des Holocaust im Rahmen von Corona-Demos, aber auch im Internet und in sozialen Medien.“[4]. Auch Herbert Kickls fahrlässige Empfehlung, sich bei einer Covid-19 Infektion mit dem Pferde-Entwurmungsmittel Ivermectin zu behandeln, verbreitete sich unter anderem über Social Media[5]. Komischerweise war das aber nicht der dümmste Tipp zu jener Zeit. Denken wir zurück an Trumps grandiose Idee, Menschen Desinfektionsmittel zu spritzen. Eventuell handelte es sich bei Kickls Einfall aber auch nur um einen Lösungsweg, all die übrig gebliebenen Arzneimittel seiner gefloppten Pferdestaffel loszuwerden. Ich bemerke hier eine gewisse Obsession mit dem hochbeinigen Säugetier, wie das Pferd von Google beschrieben wird. Handelt es sich bei Herbert Kickl vielleicht um das fanatischste Horse-Girl Österreichs?
Diese Frage bleibt fürs Erste ungeklärt. Die Datenlage bezüglich Social Media ist aber eindeutig. Die Abhängigkeit wird aktiv gefördert, gegen Desinformation wird zu wenig unternommen. Globale Konzerne greifen zugunsten von Werbeeinnahmen gezielt in die Psyche von User*innen ein. Bislang versäumten es Regierungen strengere Regulierungen durchzusetzen, obwohl es höchste Zeit dafür wäre.
Ehrlich gesagt weiß ich auch gar nicht an wen sich dieser Text so genau richten soll, denn er existierte bisweilen nur für mich, er war nur dafür da Frust abzubauen, meine Gedanken zu sortieren und mir klarzumachen, dass es nur eine Art des gesunden Umgangs mit Social Media gibt: rigoroser Verzicht, denn gegen die immer effektiver und parallel dazu immer undurchschaubarer werdenden Mechanismen der Apps, kann sich langfristig niemand erfolgreich wehren.
[1] val (2018): „Studie: Nutzungsdauer von Social Media und Probleme der psychischen Gesundheit“, in Süddeutsche Zeitung Jetzt: Studie: Nutzungsdauer von Social Media und Probleme der psychischen Gesundheit - Gesundheit - jetzt.de (Zugriff 01.09.2023).
[2] Waters, Jamie (2021): „Constant craving: how digital media turned us all into dopamine addicts“, in: The Guardian: https://www.theguardian.com/global/2021/aug/22/how-digital-media-turned-us-all-into-dopamine-addicts-and-what-we-can-do-to-break-the-cycle (Zugriff 01.09.2023).
[3] Brandt, Matthias (2018): „Suchtfalle Social Media?“, in Statista: https://de.statista.com/infografik/15490/auswirkungen-der-social-media-nutzung-bei-12-17-jaehrigen-in-deutschland-ab/ (Zugriff 01.09.2023).
[4]„Kriminalstatistik“ (2022), in BMI: https://www.bmi.gv.at/news.aspx?id=4E4C4D622B315559416F343D (Zugriff 09.07.2023).
[5]Hagen, Lara (2021): „Ivermectin-Vergiftungen: Konsequenzen für Kickl“, in DerStandard: https://www.derstandard.at/story/2000131258432/ivermectin-vergiftungen-konsequenzen-fuer-kickl (Zugriff 01.09.2023).
For A Powerful America – Barbie, Oppenheimer & Asteroid City
Wäre ich ein mittelmäßiger Filmkritiker, der ein sichtbares Problem damit hat, originelle Formulierungen zu finden, würde ich an dieser Stelle schreiben, dass sich nun ein ereignisvoller Kinosommer dem Ende zuneigt. Da ich aber ein gewiefter Autor bin, mache ich mich über derartige Floskeln lustig, während ich sie gleichermaßen doch als Einstieg nutze – ich habe mich also herrlich aus der beklemmenden Lage, einen interessanten Anfang zu finden, gewunden.
Um zum Ausgangspunkt zurückzukehren: Ein fulminanter Kinosommer neigt sich dem Ende zu. Mit Barbie, Oppenheimer und Asteroid City zeigten uns drei begnadete Regisseur*innen, warum es sich nach wie vor lohnt ins Kino zu gehen.
Eine Bewertung soll dieser Essay dennoch keine werden, denn davon gibt es schon zuhauf, und wie erwähnt, ich bin kein Filmkritiker. Ich gebe einfach gerne meinen Senf dazu.
Nichtsdestotrotz bin ich der Meinung, dass es neben den zeitlich nah aneinandergereihten Releases (Anmerkung für meine Oma: hierbei handelt es sich um das englische Wort für Erscheinung bzw. Veröffentlichung – anscheinend hat man sich eines Tages darauf geeinigt, den deutschen Begriff damit zu ersetzen), noch eine, bisher unerwähnt gebliebene, weitere Parallele zwischen den Werken gibt. Sie alle sind gewissermaßen auf der Suche nach einer Antwort, auf den in Asteroid City formulierten Slogan „For a Powerful America“.
Was braucht ein „Powerful America“ (und wieso sind eigentlich immer nur die USA gemeint, wenn wir von „America“ sprechen)?
Ohnehin ist es ein wenig schade, dass nicht nur alle drei Filme in den Vereinigten Staaten (Oppenheimer zusätzlich noch in Großbritannien) produziert wurden, sondern auch alle in oder zumindest nahe der Wüstengegenden dieser spielen. Auch noch Wochen nach dem Schauen aller Streifen, habe ich deshalb immer noch das Gefühl, Sand in den Schuhen zu haben. Sowieso habe ich die westliche Seite der USA dieses Jahr nun schon häufiger gesehen als so manche meiner Verwandten, sodass ich mich dazu entschieden habe, auch an Weihnachten eher eine Dokumentation über die Reise eines Sandkorns durch das staubige Nevada zu glotzen, als auch nur einen Fuß in die nach Katzenfutter und Schnapspralinen riechende Wohnung meiner Tante Helga zu setzen – mein persönliches Death Valley.
Wie dem auch sei, wir wenden uns wieder angenehmeren Themen zu, bevor mir grauenhafte Flashbacks von schwitzigen Umarmungen und unerlaubt feuchten Küssen auf den Mund kommen – verdammt, zu spät!
Schnell zurück zur heiligen Dreifaltigkeit des Hollywood-Sommerkinos. Barbie stellt sich, wie Oppenheimer und Asteroid City auch, die Frage, was ein „Powerful America“ braucht. Sie kommen dabei alle zu unterschiedlichen Ergebnissen. Barbie etwa plädiert in zugegeben recht seichten 114 Minuten für die längst schon überfällige Gleichstellung der Geschlechter und verirrt sich dann doch immer wieder in einer relativ sinnbefreiten Storyline (auch hier wieder eine Anmerkung für meine Oma: Storyline heißt so viel wie Handlung.). Der Film ist dennoch unterhaltsam, ungemein witzig und eckt an den genau richtigen Punkten an. Natürlich könnte man sich auch hier in internen Grabenkämpfen verlieren, indem man der Produktion „White Feminism“ und damit ein naives Verständnis der Problematik unterstellt. Allerdings bin ich der festen Überzeugung, dass diese Kritik bei einem Kassenschlager, der es geschafft hat, feministische Grundideen und -motive in den Mainstream zu rücken, nicht unbedingt notwendig ist. Übrigens gibt es diesbezüglich auch eine fantastische Kolumne von Beatrice Frasl, die mit Barbie einen „bewegenden feministischen Film vorfand“. Es bleibt deshalb meine tiefe Hoffnung, dass Barbie mehr FÜR den Feminismus getan hat als Andrew Tate, Donald Trump und Konsorten je DAGEGEN getan haben.
Zusammenfassend lässt sich demnach sagen, dass es für ein „Powerful America“ für Regisseurin Greta Gerwig vor allem die endgültige Zerschlagung des Patriachats braucht. Wie sieht es bei Oppenheimer aus?
Die Antwort liegt auf der Hand: eine Atombombe muss her. Damit wird jedoch eine weitaus spannendere Frage aufgeworfen. Welche Verantwortung tragen die Tüftler, die hinter menschenverachtenden Erfindungen wie Massenvernichtungswaffen oder Barfußschuhen, stecken? Für den Schöpfer letzterer ist das Himmelstor mit ziemlicher Sicherheit wohl für immer verschlossen, aber wie sieht es mit dem käsefußlosen Rest aus?
Christopher Nolan zeigt uns in Oppenheimer einen Mann, der – wie in echt – zeitlebens von seiner Mitschuld am Tod Zigtausender, gequält wird. Als Vater der Atombombe setzt er nach den Abwürfen über Hiroshima und Nagasaki alles daran, dass seine Erfindung nie wieder genutzt wird, spricht sich für globale Regulierungen und Einschränkungen aus. Vergebens. „Was einmal gedacht wurde, kann nicht mehr zurückgenommen werden.“[1]
Es ist kein Zufall, dass dieses Zitat aus Dürrenmatts „Die Physiker“ so hervorragend passt. Es wirkt beinahe maßgeschneidert und es verwundert, dass man es in sonst so wenigen Kritiken zum Film zu lesen bekommt. Immerhin schrieb Dürrenmatt sein Stück inmitten der Wirren des Kalten Kriegs und verarbeitete damit nicht nur die Nachwirkungen des Zweiten Weltkriegs, sondern auch die stets kurz vor der Eskalation stehende Situation zwischen den beiden Großmächten USA und UdSSR. Die Angst vor einem Atomschlag hing zu jener Zeit stets über den Köpfen der gesamten Weltbevölkerung und so ist es nicht weithergeholt, dass der Schweizer diese Anspannung als Anlass für eines seiner brillantesten Werke nahm. Darin griff er die Frage auf, was zu tun wäre, wenn ein Physiker auf eine Formel stößt, die die Zerstörung der Erde möglich macht. Im Werk zieht er sich ins Irrenhaus zurück, spielt verrückt und verbrennt seine Aufzeichnungen. Aufgrund einer ungeheuren Vielzahl an unglücklichen Wendungen, landet das Wissen dann doch in falschen Händen, denn „was einmal gedacht wurde, kann nicht mehr zurückgenommen werden.“[2]
Wahren Seelenfrieden finden im Anschluss weder der Protagonist des Stücks noch der des Films. Auch der reale Robert J. Oppenheimer musste, die ihm (durch sich selbst) auferlegte Last bis ans Ende seines Lebens mit sich tragen.
„War Oppenheimer also ein guter Mensch?“, fragen sich jetzt, wie auch nach dem Abspann im Kino, bestimmt viele.
Nun, meine sehr verehrten Leser*innen, darauf gibt es einen recht eleganten Antwortversuch, für den wir in Oppenheimers Fachgebiet eintauchen müssen: Die Quantentheorie.
Lassen Sie sich nicht abschrecken, wir werden nicht allzu tief in der Materie graben. (Aus dem Satz ergibt sich natürlich eine optimale Vorlage für einen Quantenphysiker-Witz, den ich mir jedoch verkneifen werde.) Tatsächlich können wir bei einer Grundsatzfrage, die gleichzeitig nach wie vor eines der größten Mysterien ist, bleiben: Ist Licht ein Teilchen oder eine Welle?
Selbstverständlich könnte ich das Thema hier recht weit ausführen - es existiert immerhin eine eigene Richtung innerhalb der Physik, die sich grob heruntergebrochen, ausschließlich mit der oben gestellten Frage befasst – doch begnügen wir uns mit einer Antwort, die genauso viel Wahrheit in sich trägt: Man weiß es schlichtweg nicht. Je nach Art der Beobachtung bzw. Messung, kommt man zu unterschiedlichen Ergebnissen: mal ist Licht eine Welle, mal ist Licht ein Teilchen. Ein eindrucksvolles Experiment dazu, ist das sogenannte Doppelspalt-Experiment, bei dem kurioserweise beide Möglichkeiten bestätigt werden.
Ähnlich verhält es sich mit Oppenheimer. Ist er gut? Ist er böse? Ist er eine Welle? Ist er ein Teilchen?
Es ist eine Frage der Sichtweise. Ohnehin ist es ungemein schwierig eine solche Aussage über irgendeinen x-beliebigen Menschen zu treffen, geschweige denn eine der kontroversesten Figuren der Moderne. Letztendlich sind wir doch alle unglaublich ambivalente Lebewesen, etwa, wenn wir uns um 3 Uhr morgens einen ranzigen U-Bahn Kebap reinschrauben und dann am nächsten Tag wie gehabt unser Leben als Bio-Veganer fortsetzen.
Wir könnten uns jetzt ewig mit Fragen zu Moral auseinandersetzen, ich studiere Philosophie, ich hätte genug Literatur, die in der Ecke verstaubt, doch letztendlich gibt es keine klare Antwort – nicht einmal, wenn wir die Physik zu Rate ziehen. Das hat meiner Meinung etwas Poetisches.
In meiner literarischen Version von Queens Bohemian Rhapsody (anstelle von verschiedenen Songs, kombiniere ich drei Textfragmente), bleibt nur mehr Asteroid City übrig. Hier wird auch das Gefälle von der bloßen Analyse bei Barbie zur Interpretation bei Wes Andersons neuem zukünftigen Klassiker (welch eigenartige Formulierung) deutlich. Vorab: Ich meine den Film nicht ganz verstanden zu haben und dennoch bezeichne ich ihn als eine Bereicherung für alle Lichtspielhäuser weltweit. Die Bedeutung ist nicht klar: Geht es um die Bewältigung von Trauer? Oder verrennt sich Wes Anderson bloß in seinem Stil und vergisst dabei gänzlich darauf eine Geschichte zu erzählen?
Die Meinungen gehen auseinander und ich denke bei Asteroid City reicht es nicht, sich bloß in den vollgefurzten Kinosessel plumpsen und beschallen zu lassen, während man sich durch alte Nachos knuspert. Die Frage, die wir uns nach dem Film stellen sollten, ist nicht: „War die Käsesoße wirklich noch gut?“, sondern: „Was möchte Wes Anderson uns damit sagen?“
Die Verwirrung, die schon nach den ersten Szenen einsetzt, sollte kein negativer Kritikpunkt sein – sie lädt zum Hinterfragen ein. Und wir sollen nicht nur den Film hinterfragen, wir sollen auch uns selbst und die Welt um uns herum hinterfragen. „For a Powerful America“ reicht hier nicht aus, auch wenn ich darauf später zurückkommen werden.
In einer pastellbunten Mischung aus Cowboy- und 50er-Jahre-Ästhetik, konfrontiert uns der Regisseur mit einem Thema, das wir – gleich der Figuren im Film – im Alltag immer wieder verdrängen: Veränderung. Wie gehen wir mit ihr um? Wir schieben sie beiseite, wir ignorieren sie, am liebsten würden wir so weiter machen wie zuvor. Vielleicht tun wir das aus Angst, denn mit dem Begriff „Veränderung“ hängen Abgründe zusammen, womöglich sogar die tiefsten: Fragen zum Tod und nach der Sinnhaftigkeit des Lebens. Der Film schreckt nicht davor, diese zu stellen, er liefert aber keine Antwort. Wer weiß, ob es überhaupt eine gibt. Camus würde im Grab lächeln – wer hätte gedacht, dass Asteroid City ein Absurdes Werk wird?
Mittels der Prämisse, dass plötzlich außerirdisches Leben auf der Erde erscheint (in feinster 50er-Manier selbstverständlich in einer fliegenden Untertasse), stößt der Macher die Frage an, was Veränderung für uns bedeutet und wie wir mit ihr umgehen. Wie das Alien im Film kommt sie scheinbar urplötzlich, stellt innerhalb von Sekunden unser Weltbild auf den Kopf und lässt uns dann doch wieder allein. Es liegt auf der Hand, dass es ein breites Spektrum an Reaktionen zwischen Akzeptanz und Verleugnung gibt. Der Film zeigt einige davon, doch möchte ich mit Ausnahme einer, nicht näher darauf eingehen. Ein nicht wirklich subtiler Seitenhieb gegen das Schulsystem wird nämlich nicht ausgespart. Selbst im Angesicht einer Entdeckung, die das bisherige Wissen über das Universum gravierend verändert, wird Schule nach Plan gemacht. Es gibt neun Planeten im Sonnensystem und damit Schluss.
Braucht es für ein „Powerful America“ also den Mut zur Veränderung? Ich denke nein, viel mehr geht es darum, Akzeptanz für Veränderung und einen Willen zur Bewältigung dieser zu entwickeln – so wie es auch die Charaktere im Laufe des Filmes tun. So ringt sich einer der Hauptcharaktere nach drei Wochen doch noch dazu durch, seinen Kindern vom Tod ihrer Mutter und damit seiner Frau, zu erzählen. Er akzeptiert die Last der Trauer und damit die Veränderung, die eine neue Lebensrealität für die gesamte Familie bedeutet.
Letztendlich denke ich, dass „For a Powerful America“ zu wenig ist, „For a Powerful World“ (das geht auch ohne Übersetzung, Oma), trifft es schon besser. Überall auf der Welt brauchen wir dringend mehr Feminismus wie aus Barbie, überall auf der Welt brauchen wir dringend mehr Menschen, die - wie Oppenheimer - einen Schritt zurückmachen, um ihre eigenen Handlungen zu hinterfragen, und überall auf der Welt brauchen wir dringend eine Haltung wie aus Asteroid City, die Veränderung zulässt.
For a Powerful World!
(„Für eine mächtige Welt!“ heißt das, Oma)
[1] Dürrenmatt, Friedrich (1998): Die Physiker. Zürich: Diogenes Verlag AG Zürich. S.85.
[2] Ebd.
Sisyphos und Ikaros
In seinem Werk „Der Mythos des Sisyphos“ schreibt Albert Camus: „Würde der Mensch erkennen, dass auch das Universum lieben und leiden kann, er wäre versöhnt“[1]. Freilich formuliert er diesen Satz in einem anderen Kontext, als ich ihn jetzt verwende, doch behaupte ich, dass sich eine Aussage, bei der ein derartiger Anspruch an Allgemeingültigkeit mitschwingt, auch entkoppelt von ihrem Ursprung, wunderbar in andere Gedankengänge einflechten lässt.
Also münze ich die Aussage Camus in ein Plädoyer für mehr Klimaschutz um. Und dabei braucht es eigentlich nicht einmal das Universum, die Erde genügt:
„Würde der Mensch erkennen, dass auch die Erde lieben und leiden kann, er wäre versöhnt.“
Er wäre versöhnt insofern, als dass er, und damit meine ich die Gesamtheit des Menschengeschlechts, aufhören würde diese kleine blaue Kugel, die wir unser aller Zuhause nennen, weiter zu vernarben und zu verstümmeln. Doch dem Narrativ, dass es das Individuum ist, das die Müllberge in unseren Ozeanen emporwachsen lässt, werde ich hier nicht weiter folgen.
Fest in unseren Köpfen verankert, ist die Idee des Ökologischen Fußabdrucks. Es ist die Aufgabe des*der Einzelnen das Klima zu schützen, erklärt er uns und stinkt dabei noch nach dem Riesen, der einst durch die Welt stampfte und ihn hinterließ. Denn tatsächlich war es der Ölkonzern BP, der zu Beginn des 21. Jahrhunderts im Internet einen Rechner veröffentlichte und das Konzept damit populär machte.[2] Und natürlich machte es Schule, die Schuld auf Konsumenten*innen abzuwälzen, sodass nun, am Ende, eine kleine Schar unbefleckter Hirten über eine gewaltige Herde von Sündenböcken wacht.
Man ist nun dazu verleitet meine Worte in eine Richtung zu deuten, die Faschisten gerne einschlagen. Doch spreche ich nicht von irgendwelchen geheimen Eliten, die uns alle beherrschen. Nein, ich begebe mich in meiner Argumentation ans andere Ende des politischen Spektrums. Niemals kann eine ernsthafte Kritik an der Art und Weise wie wir mit der Klimakrise umgehen, nicht auch zwangläufig eine Kritik des kapitalistischen Systems, dessen geschwürartige Ausprägung sie ist, sein.
Soll es mir wehtun, wenn man mich nun einen Marxisten nennt? Ist es denn falsch, gegen ein System zu kämpfen, das sich Freiheit auf die Fahne schreibt und in ihrem Namen dann Menschen unter elenden Bedingungen in Kobaltminen und giftdurchströmten Fabriken schuften und sterben lässt? Wenngleich er einst die Lösung vieler Probleme gewesen sein mag, die Gier des Kapitalismus lässt sich nicht stillen. Camus erzählt von Sisyphos, wir sollten uns an Ikaros zurückerinnern.
Wir ersparen uns an dieser Stelle einen Exkurs über Fleisch aus Massentierhaltung, Kleidung, die sich nach dem dritten Tragen in dünne Fäden auflöst, Kurzstreckenflüge etc. und, dass es all diese Angebote zum Spottpreis gibt. Ich lasse diese Punkte aber nicht deshalb außen vor, weil sie keine Relevanz für die geführte Diskussion haben, sondern weil sie allerorts ohnehin gebetsmühlenartig wiederholt werden. Eine tiefergehende Behandlung unterlasse ich aber vor allem deshalb, weil sie am Ende stets auf den immer selben Appell an das Individuum hinauslaufen: „Konsumiere bewusster! Konsumiere weniger! Du bist schuld!“. Wie großmütig – Ein System, das diese Flut an Angeboten macht und die darin Gefangenen dann ermahnt, diese nicht anzunehmen! Und all das, wissend, dass alles zusammenbrechen würde, wenn wir der Aufforderung wirklich gehorchen würden. Rousseau hat ausgedient, wir werden in Ketten geboren. Welche Wahl haben wir denn als zu konsumieren?
Nicht nur das, wir haben doch nicht einmal die Wahl, was wir konsumieren! Bewusster konsumieren, weniger konsumieren. Das sind keine Entscheidungen, die einem bloßen Umdenken entspringen. Sie haben eine ernstzunehmende, sozio-ökonomische Facette. Wie sollen wir bewusster, nachhaltiger konsumieren? In einer Gesellschaft, mit stetig wachsenden Zahlen von Armutsbetroffenen, wird zu billigeren Produkten gegriffen. Und wir müssen dabei auf nichts verzichten, denn egal ob Banane oder Ballkleid, eine günstigere Alternative lässt sich immer finden. Doch an der Kasse kaufen wir mehr als nur diese Produkte. Wir kaufen Ausbeutung und Klimaschäden.
Ist es uns aber wirklich vorzuwerfen, dass wir uns an dem Sortiment bedienen, das uns zugänglich gemacht wird? Wir können alles haben, solange wir genug monetäre Mittel dazu haben. Ich frage ganz provokativ: Wer trägt daran Schuld? Der*die Einzelne oder das System, das uns die Möglichkeit bietet, Erzeugnisse zu kaufen, die bei der Produktion, beim Transport und oder im Ge- und Verbrauch dem Klima schaden?
Noch einmal stelle ich mich offen gegen rechte Meinungsführer und stimme zwar zu, dass noch nicht bewiesen ist, in welchem Ausmaß der Mensch genau für die rasante Veränderung des weltweiten Klimas verantwortlich ist, widerspreche aber deutlich, wenn er in dieser Rechnung als Variable gänzlich verschwindet, denn dafür gibt es keinen Beweis.
Es gibt allerdings unzählige Beispiele für die Versäumnisse der Regierungen in Punkto Klimaschutz. In „This can’t be happening“ berichtet der Investigativjournalist George Monbiot beispielsweise über ein Paper, das bereits im Jahre 1947 Methoden zum Klima- und Naturschutz diskutierte, „die auch heute noch als […] innovativ gelten“[3]. „Die erste große Warnung vor irreversiblen Folgen“[4] gab es 1971 von der Deutschen Physikalischen Gesellschaft, während der Treibhauseffekt schon ungefähr 150 Jahre zuvor entdeckt dann aber lange Zeit nicht sonderlich beachtet wurde.
Was lähmte die Entwicklung von Klimaschutzgesetzen, klimaneutraleren Energiegewinnungsverfahren oder klimaschonenderen Transportmitteln? Es war unser kapitalistisches System. Megakonzerne hielten Forschungsergebnisse, aus denen durch die Unternehmen verursachte Umwelt- und Klimaschäden klar hervorgehen, aus Profitgier jahrelang unter Verschluss. Der Ölkonzern Exxon wusste schon 1979 von den drohenden Umweltschäden, die der Klimawandel mit sich bringen würde, setzte jedoch alles daran die Daten geheim zu halten. Stattdessen wurden von der Fossilindustrie in den vergangenen Jahren ständig der Wissenschaft widersprechende Zahlen präsentiert.[5]
Wurde es in den vergangenen Jahren salonfähig über den Klimawandel zu sprechen, so hat auch das seine Gründe im Kapitalismus. In einer Gesellschaft, in der man ihn nicht mehr länger verschweigen kann, verkauft man dann eben Kompensationsmöglichkeiten. Sie bewirken nichts, doch man möchte mit dem Aktienkurs stets im Hinterkopf kein Risiko eingehen und präsentiert sich als „grünes Unternehmen“.
Die Mobilitätswende wird als Herkules-Aufgabe propagiert, wenngleich sie abwendbar gewesen wäre, hätte man sich etwa zu Beginn des Automobilzeitalters nicht von ölbefleckten Dollarscheinen korrumpieren lassen und stattdessen den Fokus auf der Entwicklung, der, in den USA anfangs zahlenmäßig überlegenen, Elektromotoren, belassen.
Doch alles nur Trug und Schein. Es mangelt an Maßnahmen zur Eindämmung der bereits über uns hereingebrochenen Klimakrise – ein Wort, das noch niemand in den Mund nehmen möchte und das in Zukunft niemand mehr in den Mund nehmen können wird. Denn der unstillbare Appetit des Systems wird uns alle dahinraffen. Und ich sage es frei heraus, denn ich möchte meinen Zorn nicht mehr in schöne Worte hüllen: Es wird zu spät sein. Als Rom fiel, wurden Lieder geschrieben, doch wer wird das Ende aller anderen Städte besingen?
[1] Camus, Albert (2022): Der Mythos des Sisyphos. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag.
[2] Vgl. Pramer, Philip (2022): „Der CO2-Fußabdruck wurde von Ölkonzernen großgemacht – ist er deshalb schlecht?“, in: Der Standard, https://www.derstandard.de/story/2000132608301/der-co2-fussabdruck-wurde-von-oelkonzernen-grossgemacht-ist-er-deshalb (Zugriff: 27.07.2023).
[3] Monbiot, George (2021): This Can’t Be Happening. London: Penguin Books.
[4] Ell, Renate; Westram, Heike (2022): „Der Klimawandel ist schon lange bekannt. Die Geschichte der Klimaforschung“, in: Ardalpha, https://www.ardalpha.de/wissen/umwelt/klima/klimawandel/klimawandel-klimaforschung-geschichte-historisch-100.html (Zugriff 27.07.2023).
[5] Vgl. Rennert, David (2023): „Was der Ölkonzern Exxon schon vor Jahrzehnten über den Klimawandel wusste“, in: Der Standard, https://www.derstandard.at/story/2000142517745/was-der-oelkonzern-exxon-schon-vor-jahrzehnten-ueber-den-klimawandel (Zugriff 27.07.2023).
Warum „grün“ mehr als eine Farbe ist
Was stellen Sie sich vor, wenn Sie das Wort „grün“ lesen? Womöglich die vier Buchstaben „g“, „r“, „ü“, „n“ aneinandergereiht in einem grünen Farbton, vielleicht einen Klecks Farbe, wer weiß, vielleicht sogar eine Wiese, auf der Kühe grasen, vielleicht sehen Sie etwas gänzlich anderes. Wie dem auch sei, wahrscheinlich können wir uns darauf einigen, dass Sie einen bestimmten Abschnitt des menschlichen Farbspektrums, den wir „grün“ nennen, vor Augen haben.#
Wenn ich nun die Blätter zweier Pflanzen vergleichen würde und behaupte, die eine sei „grüner“ als die andere, müssten Sie mir, gemäß der grammatikalischen Regeln im Deutschen, entschlossen widersprechen. Wie könnte etwas „grüner“ sein als etwas anderes? Die eine Pflanze kann einen satteren, intensiveren Grünton haben, aber sie wäre, der Syntax folgend, unmöglich „grüner“. Das wäre wie „ein toteres Tier“ oder „eine unendlichere Menge“[1].
Sie fragen sich nun bestimmt, worauf ich hinauswill, immerhin lernt man diese Regeln bereits in der Grundschule. An dieser Stelle kommt der, schon zum geflügelten Wort gewordene, Ausdruck „ein grünerer Lebensstil“ ins Spiel. Nach dem eben erwähnten Grundsatz sollte er eigentlich grammatikalisch unzulänglich sein. Dennoch ist es – selbst fernab der Umgangssprache, in der sich Wortgeschwüre wie „Gehen wir ‚Billa‘? “ finden – zulässig von einem „grüneren Verhalten“ zu sprechen.
Wie kann das sein?
Ich postuliere, dass es ein Resultat der (neuerdinglichen) semantischen Mehrdeutigkeit des Wortes „grün“ sein muss. Denn, wenn wir bspw. von „grünem“ Strom sprechen, dann meinen wir damit nicht die Farbe an sich, sondern verwenden den Begriff „grün“ synonym zum Begriff „nachhaltig“. Und obwohl es unbestreitbar ist, dass sich die zweite Bedeutung, also „nachhaltig“, von der Farbe „grün“ ableitet – schließlich ist sie weitgehend der Farbcode für alles, das mit dem grob umrissenen Bereich „Umwelt“ zu tun hat, vgl. dazu bspw. „Die Grünen“ – so entwickelte sich in den vergangenen Jahren eine weitere, eigenständige Bedeutungsebene. Unter „grün“ kann man nunmehr, je nachdem wie es der Kontext gebietet, die Farbe oder eben die Eigenschaft der Nachhaltigkeit verstehen.
Aufgrund dieser beiden Varianten ist es im Folgenden auch korrekt den Komparativ anzuwenden, solange „grün“ besagte zweite Bedeutung hat. Denn – und hierbei sei die politische Appellebene ausgeklammert – es ist möglich „nachhaltiger“ zu konsumieren, essen, etc.. Jenes Wort lässt sich durchaus steigern – bis hin zum Superlativ –, was sich meiner Meinung nach durchaus auf den zweiten „Bedeutungsstrang“ des Wortes „grün“ übertragen lässt. Wird es in seiner Bedeutung synonym zu „nachhaltig“ verwendet, so muss die Grammatik zwangsläufig folgen, um das Synonym-Verhalten über den Positiv hinaus zu gewährleisten.
Bis auf den Begriff „grün“ ist mir kein weiterer bekannt, der sich innerhalb der deutschen Sprache auf dieselbe beschriebene Art und Weise verhält und je nach semantischer Bedeutung entweder einer unsteigerbaren Kategorie von Worten (=Farben) angehört und auf der anderen Seite als (frequentiert genutztes) Synonym für einen Begriff dienen kann, bei dem eben dies zulässig ist.
[1] Anm.: Allerdings gibt es hierzu die Untersuchung von M. Goldstern, J. Kellner und S. Shelah, die zeigte, dass es durchaus unterschiedlich große Unendlichkeiten gibt.