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Was uns Super Mario über die Manosphere verrät
Intendiert oder nicht – „Der Super Mario Galaxy Film“, der kürzlich erschienene zweite Teil der Super-Mario-Kinofilmserie, kann als eines der wichtigsten Zeitdokumente unserer Gegenwart verstanden werden. Was auf den ersten Blick wie die handlungstechnisch nahezu idente Fortsetzung seines Vorgängers wirkt, entpuppt sich nämlich rasch als eine Erzählung über die Manosphere – der derzeit wohl prägendsten Online-Bewegung.
Doch von vorne: Nach dem Mega-Kinoerfolg der Videospielverfilmung „Der Super Mario Bros. Film“ im Jahre 2023, hat sich das Minions-Produktionsstudio „Illumination Entertainment“ dazu entschlossen, eine Fortsetzung zu produzieren. Unter dem Namen „Der Super Mario Galaxy Film“ landete diese am 1. April 2026 nun in den heimischen Vorführsälen. International spricht man bereits jetzt – ungefähr eine Woche nach Release – von einem Kassenschlager. Der Rahmenhandlung kann dies kaum geschuldet sein, denn – wie im ersten Teil – muss auch im aktuellen Streifen wieder eine wehrlose Prinzessin aus den Fängen eines Schurken befreit werden. Selbstverständlich eilen die Nintendo-Helden Mario, Luigi, Prinzessin Peach und Toad schleunigst zur Rettung. Begleitet werden sie diesmal außerdem von den Neuzugängen Yoshi und Fox McCloud – zwei weiteren legendären Matadoren des japanischen Megavideospielkonzerns. Sie – und all die anderen Kultfiguren, die manchmal nur für einige Millisekunden am Rande der Frames auftauchen – sind es, die die Massen in die Lichtspielhäuser locken. Unbestreitbar platzt „Der Super Mario Galaxy Film“ förmlich vor Referenzen und Insiderwitzen.
Reiner Fanservice für Anhänger des Hauses Nintendo und seiner Figuren bleibt der Film trotzdem nicht. In seinen nicht einmal 100 Minuten Laufzeit nimmt sich die amerikanisch-japanische Gemeinschaftsproduktion nämlich immer wieder dem Thema „Familie“ an. Da gibt es zum einen die – und das liegt auf der Hand – Brüder Mario und Luigi, die sich als tapferes Geschwisterduo unzertrennlich wie unerschrocken jeder Herausforderung stellen. Zank und Zwist sucht man zwischen den beiden vergebens. Zum anderen gibt es noch Prinzessin Peach und deren Schwester, Prinzessin Rosalia. Von ihrem Verwandtschaftsverhältnis erfahren die Charaktere erst im Laufe des Films. Doch sobald sie ihrer geschwisterlichen Verbundenheit gewahr sind, entfesseln auch Peach und Rosalia gemeinsam neue Kräfte, die ihnen letztendlich die Rettung der Galaxie ermöglichen. Familie – so scheint es – ist im Super Mario Galaxy Film also durchwegs positiv – und vor allem mit Zusammenhalt – besetzt. Und tatsächlich setzt sich dieser Trend fort – nämlich beim dritten Familienduo bestehend aus den Antagonisten Bowser und dessen Sohn Bowser Jr.
Die Riesenschildkröte Bowser ist dem Kinopublikum bereits aus dem ersten Teil bekannt, in dem der Super-Mario-Videospiel-Endboss den Prinzessinnenentführer und Hauptbösewicht geben durfte. Ganz wie in den Videospielen konnten Mario und Luigi den Schuft aber besiegen und steckten ihn nach der Rettung der Prinzessin in ein Gefängnis. Aus diesem befreit ihn sein Sohn nun im zweiten Teil – und spätestens ab dieser Stelle beginnt der Film, den Pfad der Manosphere zu beschreiten.
Zur Erklärung: Unter dem Begriff „Manosphere“ subsumiert man unterschiedliche von Männern geprägte Diskurse und Denkrichtungen, die sich online verbreiten und vor allem dem politisch rechten Spektrum zugerechnet werden können. Gemeinsam bilden sie ein loses Netzwerk, das sich vor allem durch antifeministische Positionen, unerreichbare Schönheits- und Körperideale sowie einen Drang nach Selbstoptimierung auszeichnet. Weiter hängt die Ideologie der Manosphere einem starken Individualismus an. Jeder ist seines Glückes Schmied, lautet die Devise. Gleichzeitig – und ambivalenterweise – propagiert die Manosphere die Wichtigkeit von Familie. Die Rollenbilder sind „traditionell“. Bedingungslos Loyalität und eiserner Zusammenhalt gelten als Lebensprinzip.
Auf diese letzten beiden in der Manosphere idealisierten Werte treffen wir auch im Film. Weder zwischen dem Geschwisterpaar Mario und Luigi noch zwischen Peach und Rosalia entsteht jemals auch nur ansatzweise so etwas wie einen echter Konflikt. Wer durch Blut verbunden ist, der versteht sich blind, suggeriert der Film. Widerworte gibt es im Familienverband nicht. Warum auch? Es gibt ja schlicht keinen Bedarf.
Genau dasselbe möchte uns auch die Manosphere weiß machen, wenn sie Männer als allwissende Familienoberhäupter propagiert, denen widerspruchslos zu folgen ist. Doch wo Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Familie in der Manosphere nur im Denken, nicht aber in der Realität, non-existent sind, macht der Super Mario Galaxy Film Nägel mit Köpfen und erhebt die Idee zur Wirklichkeit.
Vor allem zwischen Bowser und seinem Sohn, Bowser Jr., wird die Idee der einen (und einzigen) Meinung innerhalb der Familie intensiver verhandelt – und zementiert. Denn nach seiner Befreiung erklärt Bowser, so etwas wie Sympathie für seine einstigen Rivalen Mario und Luigi entwickelt zu haben. Ohne zu zögern erwidert Bowser Jr., dass es so etwas wie Freundschaft doch gar nicht gebe. Was gemeinhin als „Freundschaft“ bezeichnet wird, sei letztendlich nämlich nichts anderes als das Ausforschen eines Feindes, bis dieser seinen Schutzmantel fallen lässt und man ihm in den Rücken fallen kann. Auch diese vehemente Ablehnung von Freundschaft lässt sich auf verschiedene Arten in der Manosphere wiederfinden. So wird Freundschaft in der Szene unter anderem als sinnlose Zeitverschwendung, als schädliche Abhängigkeit oder als Zeichen von Schwäche verstanden. Dabei ist in Wahrheit genau das Gegenteil der Fall.
Wieso denkt aber Bowser Jr. so, wie er denkt? Weil es ihm von seinem Vater in der Kindheit so beigebracht wurde, wie uns der Film kurz darauf zeigt. Nachdem er sich daran zurückerinnert, bereut der vermeintlich bekehrte Bowser seine vergangenen Aussagen nicht einmal für den Bruchteil einer Sekunde. Stattdessen wandelt er sich vom Paulus wieder zum Saulus. Schlagartig fällt er in alte Denkmuster zurück und beginnt, Mario und Luigi wieder zu verachten. Worin liegt die Erklärung für diesen Wandel?
Nun, überzeugend ist für Bowser nicht das Argument an sich, sondern dass die Gedanken dahinter in der eigenen Familie – ja sogar in ihm selbst – wurzeln. Seinen einstigen Sinneswandel, seine neugefundene Sympathie für seine ehemaligen Kontrahenten, lässt Bowser hinter sich. Motiviert von der Überzeugungskraft eines Arguments, dass qua seines Sohnes innerhalb der Familie von einer Meinung zur unbestreitbaren Wahrheit erhoben wurde, kehrt Bowser kraft der Tradition ohne Überprüfung der Behauptung zu seinem alten Ich zurück. Ab diesem Punkt kämpft Bowser erneut einzig und allein für sich und seinen Nachfolger. Diese Einheit von Vater und Sohn wird präzise durch die Übereinstimmung ihrer Meinung, ihres Denkens und – in weiterer Folge – ihres Weltbildes gefestigt. Fortan kämpft eine Familie gegen den Rest der Galaxie. In Form dieses Zweiergespanns, dem alle anderen Akteur*innen gegenüberstehen, bahnt sich sogleich der radikale Individualismus der Manosphere ihren Weg.
Angetrieben wird Bowsers Handeln vor allem von seinem Groll gegen Prinzessin Peach. Diese möchte ihn ungeachtet seiner Avancen nämlich nicht heiraten. Die Ablehnung einer Frau reicht aus, um einen Bösewicht zu schaffen, erzählt uns der Film.
Dass Verehrung schlagartig in Verachtung umschlagen kann, lehrt uns die Manosphere ebenfalls. Innerhalb der zutiefst binär-heteronormativen Manosphere werden Frauen nämlich vor allem als Objekte der Begierde gesehen. Mit ihnen ins Gespräch zu kommen, ihre Nummer zu ergattern oder mit ihnen im Bett zu landen, erntet Anhängern der Manosphere den Respekt anderer Mitglieder. Wer es dann sogar schafft, eine – im besten Falle „unberührte“, „reine“, „jungfräuliche“ – Frau zu heiraten wird als Superstar gefeiert. In der Ehe wird die Frau schließlich zum festen Interieur des Hauses. Sie darf kochen, putzen, stricken, waschen, gebären und Kinder großziehen. Wehrt sich eine Frau allerdings gegen diese Instrumentalisierung und Objektifizierung, widerspricht oder – Gott bewahre – erteilt einem Mann eine Abfuhr, gibt sie sich in den Augen der Manosphere praktisch zur Schikane und Verachtung frei. Nichts stößt den Anhängern der Manosphere so sehr auf, wie eine selbstbestimmte Frau mit eigener Meinung. Präzise dieses antifeministisches Denken motiviert auch den auf Ablehnung gestoßenen Bowser.
Anders verhält es sich bei seinem Sohn. Er ist von den väterlichen Zukunftsplänen seiner Kindheit inspiriert und möchte die gesamte Galaxie unterwerfen, um anschließend gemeinsam mit seinem Vater darüber zu walten. Im Gegensatz zu Bowser ist Bowser Jr.‘s Ziel also nicht die totale Unterwerfung und Beherrschung einer Frau – sondern die des gesamten Universums. Eventuell bricht sich hier die unterdrückte Sehnsucht nach Gemeinschaft und Freundschaft Bahn. Gewissermaßen lässt sich Bowser Jr.‘s Motivation aber auch als der entartete manospher’ische Drang nach Selbstoptimierung begreifen. Denn was ist Selbstoptimierung, wenn nicht die totale Beherrschung seiner selbst?
Wer sich selbst optimiert, greift in jegliche physische und körperliche Prozesse ein, möchte sie formen, transformieren, ändern, bis sie bestimmten Ansprüchen genügen. Bowser Jr. dehnt sein Selbst nun aus. Nach der Vorlage seiner Kindheitserinnerungen erbaut er eine planetenähnliche Basis, die in ihrer Form wiederum seinem Vater ähnelt. Bowser Jr. eine Form des Ödipuskomplexes zu diagnostizieren, ist hier zu unterkomplex, denn in Wahrheit dehnt er sein Denken – also gewissermaßen sich selbst – in Raum und Zeit aus. Zuerst in Form einer Basis – schließlich in Form der gesamten Galaxie, die seinem Denken unterworfen werden soll. Dieses Vorhaben scheitert, aber es ist der Auswuchs der radikalsten Form der Selbstoptimierung. Nämlich seiner Endstufe, in der das Selbst bereits derart optimiert und perfektioniert ist, dass man nun fortschreitet, um sein gesamtes Umfeld nach den eigenen Anforderungen zu gestalten.
Die Selbstoptimierung läuft hier auf eine totale Gleichschaltung hinaus. Alles ist einem Willen, einem Herrscher, einem Prinzip unterworfen. Interessanterweise ist auch dies ein Topos der Manosphere. Denn nichts anderes als ein allwaltendes Prinzip, dem man sich zu unterwerfen hat, finden wir, wenn die Anhänger der Bewegung sich – je nach Ausrichtung – entweder auf die Wissenschaft oder die Bibel berufen und ihr gesamtes Tun mit ihr zu rationalisieren versuchen. So verklären die einen etwa jede Form von nicht-heteronormativer Liebe zu einer Art christlicher Sünde, während wieder andere vollkommen subjektive Schönheitsideale vermeintlich verwissenschaftlichen, um anschließend das Äußere von nicht-normschönen Personen zu attackieren. Offen homosexuell lebende Personen kommen in die Hölle und Männer mit großen Kulleraugen sind wissenschaftlich belegbar unattraktiv, möchte uns die Manosphere weißmachen.
Ganz so weit geht „Der Super Mario Galaxy Film“ dann doch nicht. Aber er liefert uns die Skizze eines Vater-Sohn-Duos, das so ziemlich alle Merkmale der typischen Manosphere-Anhänger erfüllt. Zum wichtigen Zeitdokument – wie ich ihn in der Einleitung bezeichnet habe – wird der Film allerdings erst durch sein Ende.
Bis zum Schluss wartet man nämlich sehnsüchtig auf die Bekehrung der beiden Bösewichte. Zu welchem Zweck hat man dem Publikum die gutherzige Version von Bowser präsentiert, wenn nicht als eine Art Foreshadowing seines endgültigen Wandels im Finale? Wozu hat Bowser das Kriegsbeil zwischen sich selbst und den Super Mario Brüdern zwischenzeitlich begraben, wenn nicht, um seinen Sohn eines Besseren zu belehren?
Doch dieser sehnsüchtig erwartete Wandel vollzieht sich nicht. Kaum trifft Bowser sein bis dato abgelegtes Denken in der Form seines Sohnes wieder, lodert es in ihm wieder auf. Es scheint, als habe der Film keine Antwort darauf, wie man dieses Feuer wieder löscht. Und so verbannen die „Helden“ den besiegten Bowser und seinen Spross am Ende wieder in den Knast. Rehabilitation verspricht das nicht. Dem Publikum wird der Schluss dennoch als Sieg des Guten über das Böse verkauft.
Ein wahrer Triumph bestünde allerdings darin, die Ideologie der Manosphere auszumerzen. Ihre zerstörerischen Auswüchse weiß der Film anhand der totalen Herrschsucht des Vater-Sohn-Duos zu demonstrieren, indem er von Bowser Jr.‘s Plan zur Unterwerfung der gesamten Galaxie erzählt. Ein Gegengift verabreicht „Der Super Mario Galaxy Film“ allerdings nicht. Denn wie in der Realität hat man den gefährlichen Gedanken der Manosphere nichts entgegenzusetzen.
Wohl eher unbewusst – weil nicht weiterverfolgt – blitzen im Film trotzdem szenenweise Lösungsansätze durch. Wenn Bowser beispielsweise beobachtet, wie das Raumschiff der Mariobrüder mitsamt ihrer Weggefährten abstürzt und er dabei echtes Mitleid für seine einstigen Feinde empfindet, dann zeigt das nichts anderes als das wirkmächtigste Antidot gegen die Ideen der Manosphere: echte zwischenmenschliche Verbundenheit, die selbst ehemalige Widersacher zu Verbündeten machen kann.
Solidarität, Nächstenliebe, Toleranz, der Mut zur Vielfalt, das sind unsere stärksten Verbündeten gegen Hass, Ausgrenzung und Herrschaftswahn. Der Film scheint sich dessen nicht bewusst zu sein – und trotzdem deutet er es an. Vielleicht wird es in der Zukunft einen Film geben, der das Problem versteht und es nicht einfach reproduziert. „Der Supermario Galaxy Film“ ist leider nicht dieser Film. Dabei entstehen Utopien gerade im Kreativbereich. Insbesondere dem Kino wohnt die revolutionäre Kraft inne, uns die Welt nicht nur zu zeigen, wie sie ist, sondern auch, wie sie sein könnte.
„Der Super Mario Galaxy Film“ scheitert an dieser Aufgabe.
Und so zeigt er nur. Aber er versteht nicht.